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TKKG - In den Klauen des Tigers - Verrat im Höllental - Unternehmen Grüne Hölle: Sammelband 11: Neue Ratekrimis - 3 Abenteuer ungekürzt, 2. Auflage

Year: 2004
Edition: 2. Auflage
Publisher: cbj
Language: german
Pages: 481
ISBN 10: 3570151085
ISBN 13: 9783641013073
Series: TKKG - Sammelband 11
File: PDF, 1.93 MB
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In den Klauen des Tigers
Verrat im Höllental
Unternehmen »Grüne Hölle«

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Ein Fall für TKKG
Jetzt im Internet:
www.tkkg.de

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Stefan Wolf

In den Klauen
des Tigers
Verrat
im Höllental
Unternehmen
»Grüne Hölle«
Ein Fall für

TKKG
T
K
K
G

wie Tim
wie Karl
wie Klößchen
wie Gaby

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

Umwelthinweis:
Dieses Buch wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.
Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
2. Auflage
© 2004 cbj, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagbild und Illustrationen: Reiner Stolte, München
Umschlaggestaltung: Atelier Langenfass, Ismaning
cl · Herstellung: WM
Satz und Reproduktion: Uhl+Massopust, Aalen
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-01307-3
Printed in Germany
www.cbj-verlag.de

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TIM
heißt eigentlich Peter Carsten. Aber
tolle Typen haben auch immer einen
Spitznamen. Früher wurde Tim von
seinen Freunden Tarzan genannt,
doch mit dem will er nicht mehr
verglichen werden, nachdem er
diesen »halbfertigen Bodybuilder« in einem Film gesehen
hat. – Tim ist der Anführer der
TKKG-Bande, die so bezeichnet
wird nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vor- oder Spitznamen. Tim ist 14, aber
seinem Alter geistig und
körperlich weit voraus. Ein
braun gebrannter Athlet,
besonders veranlagt für
Kampfsport und Volleyball. Seit zwei Jahren
wohnt er in der berühmten Internatsschule, ist
Schüler der 9b. Sein
Vater, ein Ingenieur,
kam bei einem Unfall
ums Leben. Tims Mutter, eine Buchhalterin,
müht sich sehr, um das
teure Schulgeld für
ihren Sohn aufzubringen. Tim ist der geborene Abenteurer, hasst Ungerechtigkeit, mischt
sich ein und riskiert immer wieder
Kopf und Kragen.

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KARL, DER COMPUTER
sitzt im Unterricht neben Tim, wohnt
aber nicht im Internat, sondern bei
seinen Eltern in der nahen Großstadt. Karl Viersteins Vater ist Professor für Mathe und Physik an der
Universität; und wahrscheinlich
von ihm hat Karl das tolle Gedächtnis geerbt – aus dem man
alles abrufen kann wie aus
einem Computer. Karl ist lang
aufgeschossen und sieht magersüchtig aus, weshalb körperlicher Einsatz nicht seine Sache
ist. Er kämpft lieber mit geistigen Keulen und fühlt sich bei
den TKKG-Aktionen zuständig
für technische und wissenschaftliche Probleme. Wenn ihn was aufregt, putzt er sofort die Gläser
seiner Nickelbrille – und das
manchmal so heftig, dass er alle
paar Monate eine neue braucht.

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KLÖSSCHEN
wird so genannt, weil er so aussieht;
und für sein Aussehen gibt es einen
Grund: Willi Sauerlich nascht und
nascht und nascht. Schokolade
ist für ihn Kraftnahrung,
auch wenn er davon
immer runder wird.
Zusammen mit Tim
bewohnt er im Internat die Bude ADLERNEST. Klößchens
Vater ist Schokoladenfabrikant, und
der Sohnemann
versteht sich bestens mit seinen
Eltern, die im
feinsten Viertel
der nahen Großstadt
leben. Auch als Fahrschüler könnte Klößchen
die Internatsschule besuchen, aber zu Hause in
der pompösen Villa hat er
sich immer nur gelangweilt;
deshalb ist er jetzt hier –
und wird von Tim mitgerissen in die vielen haarsträubenden Abenteuer, das
Markenzeichen der
TKKG-Bande.

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GABY, DIE PFOTE
muss sich als einziges Mädchen
gegen drei Jungs behaupten. Aber
alle Trümpfe sind auf ihrer Seite:
goldblondes Haar, blaue Augen
mit dunklen Wimpern, Anmut,
Intelligenz und wenn nötig
eine kesse Lippe. Für Tim ist
seine Freundin das schönste
Mädchen der Welt, und er
fühlt sich als ihr Beschützer –
vor allem dann, wenn es gefährlich zugeht: ein sehr häufig
wiederkehrender Zustand. Gabriele Glockner wohnt bei ihren
Eltern in der Stadt und besucht die
9b der Internatsschule als Fahrschülerin. Gabys Vater ist Kriminalkommissar und ein väterlicher Freund
der Jungs. Gabys Mutter – von Tim,
Karl und Klößchen hochverehrt –
betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft. Gaby liebt Tiere und lässt sich
von Hunden gern die Pfote geben,
was zu dem Spitznamen PFOTE geführt hat. Oskar, ein schwarz-weißer
Cockerspaniel, schläft auf ihrem
Bettvorleger.

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Stefan Wolf

In den Klauen
des Tigers
Ein Fall für

TKKG
T
K
K
G

wie Tim
wie Karl
wie Klößchen
wie Gaby

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Inhalt
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.

Herrenklub bei Sauerlichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Leckerbissen für den Tiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Zwei Verbrecher entkommen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kathie, die Schlafwandlerin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Größte Gefahr für die Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . .
Ein Lehrer rennt um sein Leben . . . . . . . . . . . . . . . .
Von Napur belagert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Geiselnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Zwischen zwei Bäumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
»Zuflucht« bei Plockwinds . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Betäubungs-Aktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das Narkose-Gewehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Herrenklub bei Sauerlichs
Die Juni-Sonne brannte, und die beiden Jungens radelten mit
Sack und Pack. Tarzan buckelte seinen halb gefüllten Touren-Rucksack, saß aber aufrecht im Sattel. Klößchen und
sein Drahtesel waren in gefährlicher Weise überladen. Ein
Koffer, angefüllt mit schmutziger Wäsche, balancierte bedrohlich auf dem Gepäckträger. Ein Tornister, der unter anderem drei Kilo Schokolade enthielt, drückte Klößchen nach
vorn. Seine Schweißtropfen sprenkelten die Eichen-Allee.
Es war Mittag. Feierliche Stille lag über den parkgroßen Gärten.
»Willi, uns muss etwas einfallen«, meinte Tarzan. »Sonst
werden das die langweiligsten Pfingstferien des Jahres. Aber
uns wird schon was einfallen.«
»Ich wünsche mir Ruhe.«
»Ruhe ist langweilig. Schade um jeden Tag, den man damit
vertut.«
Klößchen seufzte. Zu längerer Erwiderung reichte sein
Atem nicht.
Immerhin: Ihr Ziel rückte näher, die prächtige Villa des
Schokoladenfabrikanten Sauerlich, Klößchens Vater.
Die Jungs erreichten das Tor, bogen in die Einfahrt und
rollten bis zur Garage. Klößchen schaffte die letzten Meter in
halsbrecherischer Schräglage. Als er hielt, rutschte der Koffer vom Rad.
»Puh!«, machte er. »Das nächste Mal nehme ich ein Taxi.
Ist ja eine furchtbare Schinderei vom Internat bis hierher.«
»Die paar Kilometerchen.« Tarzan sah auf die Armbanduhr. »Karl wird bald kommen.«
»Womit dann der Herrenklub vollständig wäre.« Klößchen
grinste. »Und niemand stört uns. Niemand macht uns Vorschriften. Niemand triezt uns. Wir können tun und lassen,
was wir wollen. Nicht mal dazu sind wir verpflichtet. Deshalb
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wünsche ich uns erst mal schöne Pfingstferien.Vielleicht wird’s
doch noch was mit meiner Ruhe.«
Tarzan lachte. »Ist schon toll, dass wir das ganze Haus für
uns allein haben.«
»Bis auf Frau Dessart. Aber die würde erst einschreiten,
wenn wir Feuer legen oder Wände herausreißen.«
Amalie Dessart war die Köchin. Sie hielt hier die Stellung,
während Klößchens Eltern sich über Pfingsten auf einer
Kreuzfahrt im Mittelmeer befanden. Gestern waren sie abgereist.
Tagelange Auseinandersetzungen hatte es gegeben – zwischen ihnen und ihrem einzigen Sohn. Denn natürlich sollte
er mit, und seine Teilnahme war schon gebucht gewesen,
ohne sein Wissen. Mit Händen und Füßen hatte er sich gesträubt. Nur weil er schon 13 war, sah er davon ab, sich auf
den Boden zu werfen und mit den Fäusten zu trommeln. Er
wollte nicht mit, sondern hier bei seinen Freunden bleiben.
Schließlich hatte er seinen dicken Kopf durchgesetzt. Sauerlichs reisten allein. Und Klößchen durfte Tarzan und Karl zu
sich einladen.
Strahlend hatte er das seinen Freunden verkündet und
hinzugefügt: »So eine Kreuzfahrt ist wirklich das Letzte.
Alles alte Leute, und es wird den ganzen Tag nur gefressen.«
Tarzan und Karl hatten eine Weile gebraucht, sich von
ihrem Erstaunen zu erholen. Dass Klößchen plötzlich Völlerei verurteilte, war ganz was Neues.
Sie stellten die Räder neben die Garage, schleppten das
Gepäck zum Eingang. Klößchen klingelte und Frau Dessart
öffnete.
Sie war rundlich, Kochen ihr Lebensinhalt. Sie liebte starke
Esser, weshalb Klößchen und sein Vater mit ihrer Sympathie
rechnen konnten. Von Frau Sauerlich, die es jede Woche mit
einer anderen Diät hielt, ließ sich das nicht behaupten.
»Du bist auch dabei, Tarzan?«, wunderte sie sich, nachdem
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sie die Jungs herzlich begrüßt hatte. »Ich dachte, nur Karl
kommt und du wärst während der Ferien zu deiner Mutter
gefahren.«
»Das ging leider nicht«, erklärte er. »Meine Mutter ist für
ihre Firma geschäftlich unterwegs. Auf der Internationalen
Messe in Barcelona. Ausgerechnet jetzt! Ist blöd. Aber was
soll man machen! Sie muss arbeiten, schließlich braucht sie
das Geld, das sie dabei verdient, nicht zuletzt dafür, um das
Internat für mich bezahlen zu können. Dass ich zu Hause
allein rumhocke, bringt ja nichts. Da bleibe ich schon lieber
im Internat. Na, und dass Willi mich wieder eingeladen hat,
ist natürlich spitze.«
»Freut mich, dass du hier bist. Und wie ist es mit Gaby?
Soll ich für sie das Gästezimmer herrichten?«
»Gaby kommt nicht. Sie ist mit ihrem Schwimmverein im
Zeltlager.«
»Aber nur mit den Mädchen«, ergänzte Klößchen.
»Wird euch fehlen, wie?« Amalie Dessart lächelte.
»Ach«, meinte Klößchen, »es ist auch mal ganz schön ohne
Wei…« An der Stelle fing er Tarzans Blick auf und verbesserte sich: »…äh… wei… weitere Verpflichtungen. Aber
Pfote vermissen wir natürlich sehr.«
»Vielleicht besuchen wir sie«, sagte Tarzan. »Das Zeltlager
ist bei den Singenden Felsen.«
»Kenne ich nicht.« Amalie schüttelte den Kopf.
»So wird eine Felsgruppe genannt. Steht mitten im Wald.
Am Rande des Naturschutzparks, glaube ich. Sind nur 25 Kilometer bis dorthin.«
»Nur?«, ächzte Klößchen, der wieder eine fürchterliche
Anstrengung auf sich zukommen sah. Denn die Forststraße
zu den Singenden Felsen durfte von der Allgemeinheit nur
mit dem Rad befahren werden.
Amalie lachte.Tarzan knuffte seinen dicken Freund. Dann
schleppten sie ihre Siebensachen in Klößchens Zimmer hi13

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nauf. Ein zweites Bett war aufgeschlagen. Für Karl. Amalie
hatte ja nur mit ihm gerechnet. Aber Platz für Bett Nr. drei
war genügend vorhanden. Die Jungs holten es aus dem
Gästezimmer.
»Hah!«, sagte Tarzan. »Jetzt weiß ich, was wir tun.«
»Erst mal auspacken, ja?« Klößchen ließ nichts unversucht, um Tarzans Tatendurst zu bremsen.
Aber der braun gebrannte Anführer der TKKG-Bande
schüttelte den Kopf.
»Mich interessiert, was aus den Zirkustieren wird, Willi.
Darum sollten wir uns kümmern.«
Klößchen legte trichterförmig eine Hand hinter sein rechtes, beträchtlich abstehendes Ohr.
»Ich verstehe immer Zirkustiere.«
»Du verstehst richtig.«
»Aha! Jetzt bin ich klüger.«
»Gib nicht so an.« Tarzan grinste, wurde dann ernst und erklärte. »Es stand in der Zeitung. Ein kleiner Zirkus, ein Familienunternehmen, ist Pleite gegangen. Aus wirtschaftlicher
Not musste er sich auflösen. Die wenigen Artisten, die nicht
zur Familie Zeisig – ja, Zeisig – gehören, haben schon das
Weite gesucht, denn das Nahe sieht trostlos aus.«
»Zirkus Zeisig?« Klößchen setzte sich aufs Bett. »Hört
sich an wie eine Vogelschau.«
»Das Unternehmen hieß Zirkus Belloni. So was klingt gemäßer. Die Familie Zeisig war der Inhaber. Aber nur ein
Dutzend Tiere ist übrig geblieben. Der hiesige Tierschutzverein – so stand es in der Zeitung – hat sich ihrer angenommen.
Damit sie in einen halbwegs brauchbaren Stall kommen,
wurde ihnen ein verlassenes Bauerngehöft zugewiesen. Draußen vor der Stadt im Heinrichstal, wo…«
»Kenne ich«, unterbrach Klößchen. »Das Heinrichstal ist
gar kein Tal, sondern flach wie ein Blechkuchen. Dahinter beginnt das Waldgebiet. Gibt da eine Menge Himbeersträu14

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cher, im Heinrichstal – meine ich. Haben denn die Viecher
was zu futtern?«
»Bestimmt. Dass der Tierschutzverein was locker macht,
ist doch klar. Wer sonst wäre so selbstlos, wenn es um unsere
Schöpfungskameraden geht? Aber ich könnte mir vorstellen,
da sind auch private Spenden willkommen. Es sollen Raubtiere dabei sein. Und die fressen viel Fleisch.«
Klößchen fletschte die Zähne und ließ das Grollen eines
hungrigen Löwen vernehmen.
»Hunger tut weh. Das weiß keiner besser als ich. Die armen Löwen. Du meinst, wir sollten was spenden, wie?«
»Das meine ich. Vorschlag: Sobald Karl da ist, fahren wir
hin.«
Klößchen nickte. »Für die hungrigen Löwen verzichte ich
auf meine Ruhe. Was spenden wir denn? Ein Pfund Aufschnitt?«
»Warum nicht eine Curry-Wurst und eine Tüte Pommes
frites?«
»Du meinst, Aufschnitt ist nicht das Richtige?«
»Nicht wenn du pfundweise spendest. Was so ein Löwe
vertilgt – dagegen bist du ein bescheidener Esser.«
»Hm. Stimmt eigentlich. Nur wenn’s um Schokolade geht –
da schlage ich zu wie ein Rudel verhungerter Wölfe. Wir
könnten…«
Das Weitere blieb ungesagt, denn unten ertönte die Türglocke.
Das musste Karl sein. Er war’s auch, stand – als sie öffneten – mit einem geschulterten Campingbeutel vor der Tür
und grinste über sein Windhundgesicht.
»Wir überlegen gerade, wie viel Aufschnitt wir spenden«,
sagte Klößchen.
»Was ist?« Karl rückte an seiner Nickelbrille. Dann entdeckte er Amalie, die aus der Küche blickte, und begrüßte
sie.
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»Ihr wollt Aufschnitt zum Abendbrot?«, erkundigte sich
die Köchin. Immerhin hatte sie das Wort aufgeschnappt.
»So weit haben wir noch gar nicht gedacht«, lachte Tarzan.
Für sie und Karl wiederholte er, worum es ging.
Amalie machte ein bestürztes Gesicht. Sie war sehr tierlieb. Viel hätte nicht gefehlt und Tränen wären über ihre
Pausbacken gekullert – bei dem Gedanken an hungernde
Zirkustiere. Doch plötzlich hellte sich ihre Miene auf.
»Ja, Jungs, da wüsste ich was. Für Pfingsten hatte ich eigentlich – für uns alle – jedenfalls habe ich ein ganzes Spanferkel eingekauft. Es liegt in der Tiefkühltruhe. Wenn wir auf
den Braten verzichten, wäre das doch eine herrliche Spende.
Der Löwe, der das erhält, wird sich hinterher die Tatzen lecken.«
»Eine tolle Idee!« Tarzan schlug die Hände zusammen.
»Ich verzichte auf Spanferkel und möchte nur Gemüse.«
»Ich auch«, gab Karl seine Stimme ab.
Klößchen schien nicht so glücklich zu sein. Er schluckte
zwei Mal. Die Vision (Erscheinung) eines bruzzelnden Spanferkels sammelte ihm die Spucke im Mund. Wenigstens eine
dicke Scheibe hätte er den Raubtieren gern vorenthalten.
»Also gut«, nickte er. »Dann wird das eben ein etwas mageres Pfingsten – diesmal. Gott sei Dank, habe ich immer
noch meine Schokolade.«

*
Sie radelten seit einer halben Stunde. Die Großstadt lag hinter ihnen. Eine schmale Straße, auf der Schlamm in der Sonne
trocknete, führte an Feldern vorbei in Richtung Heinrichstal.
Tarzan sah zu dem blaugrünen Strich am Horizont. Das
war der Waldrand. Mehrere Straßen führten hinein – in den
so genannten Großen Wald. Über sechzig Kilometer dehnte
er sich nach Westen aus und fast mit gleicher Länge von Nord
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nach Süd. Teil des Großen Waldes war der Naturschutzpark,
wo es so ursprünglich zuging wie vor Jahrhunderten.
…und bei den Singenden Felsen, dachte Tarzan, ist das
Zeltlager der Mädchen – mit Gaby. Wir müssen unbedingt
hin. Egal ob wir willkommen sind. Können uns ja nützlich
machen, wenn wir ihnen Holz spalten oder zeigen, wie man
ein Zelt richtig aufbaut. Jedenfalls wäre es doof, wenn wir
Gaby eine Woche nicht sehen. Aber auf die Nase binden
werde ich das keinem.
Karl fuhr hinter ihm. Als hätte er seine Gedanken gelesen, fragte er: »Wie viele Mädchen sind eigentlich im Zeltlager?«
»Zwölf. Und die beiden Trainerinnen vom Schwimmklub.«
»Macht 14 linke Hände«, lachte Karl. »Ob die wohl ein
Zelt richtig aufstellen können?«
Himmel!, dachte Tarzan. Habe ich etwa laut gedacht und
vor mich hin gemurmelt?
»Die Pauker sind auch im Wald«, rief Klößchen aus dritter
Position.
»Nicht alle«, sagte Tarzan. »Soviel ich weiß, nur die jüngeren. Man könnte sagen, die netten.«
»Ist wohl der Versuch«, meinte Karl, »unter Kollegen so
was wie eine Gemeinschaft herzustellen.«
Hoffentlich klappt es, dachte Tarzan.
Was zu den jüngeren Schülern der großen Internatsschule
durchgedrungen war, betraf die so genannte Wald-Party der
Pauker. Über Pfingsten fand die statt. Assessor Keup, auch
Wolfi genannt, gehörte – wie man wusste – eine angeblich
schöne Blockhütte. Irgendwo im Großen Wald. Geerbt hatte
er die, und bei schönem Wetter verbrachte er dort manches
Wochenende. Jetzt, über Pfingsten, hatte er ein Dutzend Kollegen und Kolleginnen dorthin eingeladen. Sie wollten grillen, die Natur fernab von Großstadt und Internat genießen,
sich von Mücken piesacken und von der Sonne ansengen las17

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sen. Natürlich hatten sie auch ein großes Fass Bier mitgenommen.
»Wenn wir Gaby besuchen«, sagte Tarzan, »könnten wir
auch nach den Steißtrommlern sehen.«
»Ich glaube«, meinte Karl ironisch, »die werden ganz verrückt vor Freude.«
»Die sind genauso froh, dass sie uns nicht sehen«, merkte
Klößchen an, »wie wir froh sind, dass wir sie nicht sehen, Tarzan! Das Ferkel rutscht!«
Tarzan hielt an und schob es zurecht. Umhüllt von einer
Frischhaltetüte wurde es auf seinem Gepäckträger transportiert. Das tiefgefrorene Fleisch war schon etwas angetaut.
Klößchen hatte eine Tüte mit fünf Kilo Mohrrüben auf
dem Gepäckträger. Die waren allerdings nicht für die Löwen
bestimmt.
Die Jungen fuhren weiter.
Ein gerölliger Weg zweigte von der Straße ab. Hinter
einem flachen Hügelkamm erhoben sich die Dächer des ehemaligen Heinrichstal-Gehöfts.
Die Gebäude verwahrlosten, wie die drei Freunde beim
Näherkommen sahen. Der letzte Frühjahrssturm hatte einen
Teil der Dächer abgedeckt. Viele Fensterscheiben waren zerbrochen.
Die Ställe standen etwas abseits. Zwischen Wohnhaus und
Scheune parkten zwei Autos.
Stille herrschte. Es war früher Nachmittag. Die Sonne
stand hoch. Es war heiß.
Tarzan fiel auf, dass weit und breit kein Vogel sang. Nicht
mal Feldlerchen waren zu sehen. Ein scharfer, durchdringender Geruch lag in der Luft.
Als sie langsam näher fuhren, war nichts zu hören als das
Knirschen der Reifen im Sand und Klößchens japsender
Atem.
»Richtig gespenstig!«, sagte Karl.
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Auch Klößchen empfand das so. Aber dann wandte sein
Sinn sich Praktischem zu.
»Fehlte nur«, meinte er, »die Viecher sind längst weg. Dann
aber nichts wie zurück. Damit wir das Spanferkel…«
Weiter kam er nicht.
Eine Stimme wie aus einer anderen Welt fegte die Stille
weg: ein zorniges, röhrendes, durch Mark und Knorpel dringendes Brüllen. Es hallte noch in den Ohren, als das Raubtier
längst alle Luft aus seinem mächtigen Brustkorb gestoßen
hatte und wieder schwieg.
Klößchen wäre fast vom Rad gefallen.
»Hoffentlich ist der Löwe im Käfig«, flüsterte er schreckensbleich.
»Ich glaube, das war kein Löwe«, meinte Tarzan, nicht minder beeindruckt. »So brüllt nur ein Königstiger.«
»Stimmt!«, nickte Karl. »Habe ich im Zoo gehört.«
»Ist doch völlig wurscht!«, rief Klößchen. »Da beißt der
eine wie der andere. Wir müssen vorsichtig sein.«
»Nun beruhige dich mal«, lachte Tarzan. »Das Kätzchen ist
bestimmt hinter Gittern. Was denn auch sonst! Ein Königstiger frei herumlaufend – das wäre nicht auszudenken. Das
Gebrüll kam aus dem Stall. Sicherlich sind dort die Raubtierkäfige untergebracht.«
Sie hatten jetzt die Scheune erreicht und hielten an.
Tarzan wollte nach dem Spanferkel greifen. Aber eine Bewegung lenkte ihn ab. Im Schatten hinter dem halb geöffneten Scheunentor stand jemand. Tarzan wandte den Kopf.
Es war ein Mann. Er hatte die Beine gespreizt, um fester
zu stehen, schwankte etwas und hielt den Kopf schief. Die
linke Hand umklammerte eine Flasche, die noch halb gefüllt
war mit bernsteinfarbener Flüssigkeit – Schnaps, offenbar.
»Guten Tag!«, sagte Tarzan. »Sind Sie der Zirkusdirektor
Zeisig?«
»Häh?«
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Der Mann kam zwei Schritte heran, stützte sich dann gegen den Torpfosten.
Total betrunken, stellte Tarzan fest. Mit so einem als Direktor hatte der Zirkus natürlich keine Chance. Oder betrinkt der Kerl sich aus Kummer?
Er war groß, der Mann, und in jungen Jahren sicherlich
imponierend gewesen. Jetzt hatte er sich in ein verschwommenes Abziehbild seiner selbst verwandelt: ausgemergelt,
müde, schlaff.
Schwarzes Haar hing strähnig über die Ohren. Furchen
gruben sich in das Gesicht. Unter den schwarzen Augen quollen Tränensäcke. Die große Nase war rot geädert, womit eine
gewisse Sorte von Trinkern sich der Umwelt verrät. Ein
schwarzer Mongolenbart umrahmte das eckige Kinn. Gekleidet war er nachlässig. Er roch nach Stall und nach
Schnaps.
»Ich fragte, ob Sie Direktor Zeisig sind«, sagte Tarzan geduldig.
»Was? Ich?«, schnappte der Betrunkene. »Sehe ich denn
aus wie der Alte?«
Mit dem ist nichts anzufangen, dachte Tarzan. Aber wenn
der hier die Aufsicht hat, dann – Himmel! – wäre Willis Befürchtung wegen der Raubtiere gar nicht so abwegig. Betrunken wie der ist, vergisst er doch glatt, die Käfige zu schließen und…
Sein Gedankenfluss wurde unterbrochen.
Vom Wohnhaus her rief jemand: »Hallo, ihr da!«

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2. Leckerbissen für den Tiger
Das könnte Zeisig sein. Tarzan hatte sich umgedreht.
Ein schmächtiger, zart aussehender Mann war aus dem
Bauernhaus getreten. Er mochte älter sein als der Betrunkene, wirkte aber nicht halb so verbraucht. Sorgen hatten das
sensible (feinfühlig) Gesicht geprägt. Es war glatt rasiert, sein
Haar grau, die Miene freundlich. Auf die schmalen Schultern
schienen unsichtbare Zentnerlasten zu drücken.
Tarzan hörte, wie der Betrunkene hinter ihm ausspuckte,
schob dann sein Rad zu dem Schmächtigen hinüber, gefolgt
von seinen Freunden.
»Guten Tag. Wir wollen zu Direktor Zeisig.«
»Das bin ich.«
Tarzan stellte sich und seine Freunde vor.
»Wir wissen aus der Zeitung, wie es dem Zirkus Belloni ergangen ist, Herr Zeisig, und dachten uns… Nun, wir verfügen
über keine großen Mittel, haben aber eine kleine Futterspende mitgebracht. Fünf Kilo frische Möhren und für die
Raubtiere ein ganzes Spanferkel.«
Zeisig lächelte. Dann gab er jedem die Hand.
»Das ist nett von euch. Die Spende nehme ich gern an.«
»Ein ganzes Spanferkel. So was Tolles hat Napur noch nie
gefressen. Da wird er bestimmt zum Feinschmecker. Was die
Raubtiere betrifft, Jungs, da macht ihr euch leider falsche
Vorstellungen. Der Zirkus Belloni hat nur ein einziges gehabt: einen prächtigen Königstiger. Napur. Vor Jahren gab’s
auch noch eine Tigerin. Aber die starb an Altersschwäche.
Napur ist in der Blüte seiner Jahre. Eigentlich ein Jammer,
dass er nun im Zoo endet.«
»Im Zoo?«, fragte Tarzan.
Zeisig nickte. Er sah an den Jungen vorbei zur Scheune.
Besorgnis schien in seinen Augen aufzuflackern, als er den
Betrunkenen beobachtete.
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»Aber wollt ihr nicht reinkommen«, sagte er gastfreundlich. »Ihr seht erhitzt aus. Ich habe Cola für euch.«
Gern nahmen sie die Einladung an. Doch Tarzan entging
nicht, dass Zeisig damit noch etwas anderes beabsichtigte:
Offenbar sollte der Betrunkene nicht mithören.
Sie stellten ihre Tretmühlen an die Hauswand. Tarzan
nahm das noch gut gekühlte Spanferkel unter den Arm.
Klößchen brachte die Mohrrüben.
Zeisig führte seinen Besuch in einen Raum mit niedriger
Decke. Der Versuch, ihn wohnlich einzurichten, war gescheitert. Immerhin gab’s einen Tisch, wacklige Stühle, Regale, wo
einige Lebensmittel lagerten, und ein Feldbett.
Zeisig schenkte Cola für alle ein, wog das Spanferkel in
den Händen, schätzte es auf mindestens 30 Pfund Gewicht
und bedankte sich herzlich.
Mit schmerzlichem Lächeln sagte er: »Als Zirkusdirektor
bin ich am Ende meiner Karriere angelangt – nach immerhin
26 Jahren.Aber die Umstände haben sich verschworen gegen
Familienunternehmen unserer Art. Die Zeit ist nicht mehr
danach. Nur ein ganz großer Zirkus mit wirklichen Sensationen und Attraktionen (Zugnummer) kann überleben. Zu uns
kommt man im Zeitalter des Fernsehens nicht mehr. Kein
Publikum, keine Einnahmen – und das Ende sieht aus wie
hier.«
»Tut uns leid«, sagte Tarzan. »In der Zeitung war nur ganz
allgemein von Ihren Tieren die Rede. Wie viele haben Sie?
Und was wird aus ihnen?«
Ȇbrig geblieben sind sechs Ponys, vier Schimpansen, ein
Lama, ein Dromedar und Napur, der Tiger. Für alle ist – Gott
sei Dank! – gesorgt. Der hiesige Zoo übernimmt sie, kauft sie
uns sogar ab. Morgen werden die Tiere abgeholt.Alle. Es wird
mir ins Herz schneiden.Aber ich kann nichts mehr für sie tun.«
»Unser Zoo«, sagte Karl, »gilt in der ganzen Welt als vorbildlich. Ihre Tiere werden es gut haben.«
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Zeisig nickte.
Tarzan hatte es auf der Zunge, danach zu fragen, was aus
der Zirkusfamilie werde. Aber das war wohl doch etwas indiskret (taktlos) und er getraute sich nicht.
Doch Zeisig gehörte zu jenen vertrauensseligen Menschen, die keinen Argwohn kennen und immer das Herz auf
der Zunge haben. Er hielt es für selbstverständlich, seinen
jungen Zuhörern die persönlichsten Dinge zu erzählen. Dass
er eine tüchtige Frau und drei Kinder habe. Dass die Kinder
volljährig seien und die Familie in der Stadt eine Wohnung
gefunden hätte. Man wolle hier bleiben, endlich sesshaft werden. Das wäre zwar eine große Umstellung, aber für die Kinder das Beste.
»Robert und Nino, meine Söhne«, erklärte er, »haben Arbeit gefunden. Im Zoo. Als Tierpfleger. Davon, weiß Gott,
verstehen sie was. Ich weiß, sie werden ihre Arbeit gut machen. Meine Frau arbeitet seit voriger Woche in einem Büro.
Leni, meine Tochter, will Kinderschwester werden und bemüht sich um einen Ausbildungsplatz. Ich musste bislang
noch hier bleiben, um auf die Tiere zu achten. Aber«, er lächelte, »demnächst übernehme ich eine Handelsvertretung.
Für Tierfutter. Für Hunde- und Katzenfutter. Ihr seht, der
Schuster bleibt zumindest in der Nähe seiner Leisten.«
»Ob wohl auch Spanferkel zu Ihrem Sortiment (Warenauswahl) gehören werden?«, scherzte Tarzan.
»Bestimmt nicht«, lachte Zeisig.
»Und der… äh… Herr da?« Tarzan wies mit dem Daumen
über die Schulter zum Fenster. »Ist auch seine Zukunft schon
gesichert?«
Ein Schatten schien sich über Zeisigs Gesicht zu legen.
»Das ist Carlo Tomasino«, sagte er. »Er heißt tatsächlich so. Er ist Dompteur. Früher war er eine Weltsensation.
Dann…hm… jedenfalls, es ging abwärts mit ihm. Und vor
drei Jahren kam er zu mir. Napur gehört ihm.«
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»Ach.« Tarzan wunderte sich. »Und er willigt ein, dass
der Tiger in den Zoo kommt? Was ja gut ist«, fügte er rasch
hinzu.
»Er… also, Carlo kann nichts mehr bestimmen. Er ist sozusagen entmündigt.«
»Deshalb?« Tarzan machte eine Bewegung, als trinke er
aus einer Flasche.
Zeisig nickte. »Carlo ist Alkoholiker,Trinker, nur noch selten nüchtern. Seine Karriere endet in einer Entziehungsanstalt. Auch für ihn ist heute der letzte Tag, wo er tun und lassen kann, wie er’s sich denkt. Ich hoffe, er ist noch zu retten.
Denn wenn er so weitermacht, gebe ich ihm nicht mehr lange.
Nicht nur dass er sich selbst zerrüttet – er ist auch eine Gefahr für seine Umwelt.«
»Wieso?«
»Er ist gefährlich. Gewalttätig. Er bildet sich ein, alle wären gegen ihn.«
»Schlimm.«
»Der Alkohol hat sein Gehirn kaputt gemacht. Er leidet
unter Wahnvorstellungen. Er sieht Dinge, die überhaupt
nicht existieren.«
»Wir«, sagte Tarzan, »lehnen Alkohol ab.Wir rauchen auch
nicht.«
»Aber ich esse Schokolade«, meldete Klößchen sich zu
Wort. »Manchmal etwas zu viel. Deshalb hacken alle auf mir
rum. Wahnvorstellungen hatte ich allerdings noch nie, obwohl ja Schokolade als Genussmittel gilt.«
»Aber sie ist keine Droge«, lächelte Zeisig. Dann hob er
lauschend den Kopf.
Auch die Jungs hörten, dass ein Auto sich näherte. Nach
dem Säuseln des Motors zu urteilen, handelte es sich um eine
Chaussee-Wanze kleinsten Formats.
»Meine Tochter Leni«, sagte Zeisig. »Sie hängt so an den
Tieren, dass sie jeden Tag herkommt. Besonders der Ab24

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schied von ihrem Lieblingspony wird schwer fallen. Ich
glaube, sie wird Stammgast im Zoo werden.«
Die Jungs wandten sich zum Fenster. Aber der Wagen war
schon hinter der Scheune verschwunden, das Motorengeräusch verstummt.
»Zeigen Sie uns die Tiere?«, fragte Tarzan.
»Selbstverständlich. Gern.«
»Napur ist doch… im Käfig?«, erkundigte sich Klößchen.
»Dort ist er immer«, nickte Zeisig. »Sein Leben hat sich in
seinem fahrbaren Käfig abgespielt. Oder im Käfig der Manege.Was anderes kennt er gar nicht. Den Manegenkäfig, das
Zelt, die Wohnwagen – das ist alles verkauft. Damit hat sich
Napurs Lebensraum noch mehr eingeengt. Aber ab morgen
wird das besser – wenn er sich im Freigehege des Zoos tummeln kann.« Er sah zur Uhr. »Es ist zwar noch etwas früh.
Aber euch zuliebe verlege ich die Fütterung vor. Wollen wir
doch mal sehen, wie ihm das Spanferkel schmeckt.«
Als sie hinausgingen, sagte Tarzan: »Ist es Carlo eigentlich
recht, dass er in die Entziehungsanstalt kommt?«
»Nein. Leider nicht. Er rebelliert (sich auflehnen) dagegen. Er ist uneinsichtig. Er begreift nicht, dass es zu seinem Besten geschieht und – vielleicht – seine einzige Rettung
ist.«
Umso erstaunlicher, dachte Tarzan, dass er nicht die Kurve
kratzt. Wer würde sich denn ein Bein ausreißen, um ihn zu
finden? Niemand. Weshalb bleibt er dann? Wegen Napur?
Hängt er an seinem Tiger? Will er bis zur letzten Minute mit
ihm zusammenbleiben? Traurig, traurig! Ist ein abstoßender
Kerl, dieser Carlo. Trotzdem tut er mir leid.
Der Platz vor dem Wohnhaus brütete in der Sonne.
Sie gingen zu den Ställen.
Tarzan trug das Spanferkel, das sich nicht mehr tiefgefroren, sondern mundgerecht anfühlte – jedenfalls für ein Raubtier mit unempfindlichen Zähnen.
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Klößchen hatte die Mohrrüben, mit denen er die Ponys
füttern wollte. Carlo war nicht zu sehen. Neben den beiden
Autos stand jetzt ein drittes – ein ältlicher Kleinwagen, an
dem der Rost herzhaft nagte.
Zeisig führte die Jungs in den großen Stall. Vormals hatten
hier Kühe wiedergekäut. Jetzt machten sich hübsche Ponys
über Heu und Hafer her.
Klößchen ergänzte ihre Nahrung mit Mohrrüben.
Nebenan standen das Lama und das Dromedar. Sie glotzten recht einfältig.
»Die Schimpansen kann ich euch leider nicht zeigen«,
sagte Zeisig. »Die sind in einem Tierheim untergebracht.«
Er führte die Jungs wieder ins Freie und ging auf das zweite
Stallgebäude zu. Die Tür stand offen. Der durchdringende
Geruch, den sie vorhin schon gespürt hatten, wehte ihnen
entgegen: Ausdünstung des Tigers.
Sein Käfig – lang wie ein mittlerer Campingwagen, aber
schmäler – stand im Halbdunkel. Die stabilen Gitterstäbe
glänzten wie poliert. Stroh raschelte. Es handelte sich um
einen Käfigwagen, den man – sobald der Zirkus weiterzog –
an ein Fahrzeug angehängt hatte. Freilich wurden dann die
Gitterwände ringsum mit hölzernen Jalousien abgedeckt.
Sonst hätte Napur beim Anblick der anderen Verkehrsteilnehmer getobt. Und diese wiederum wären durch ihn irritiert
(verunsichert) gewesen.
Grüngelbe Augen schillerten aus dem Halbdunkel. Ein
mächtiger Schädel, dunkel gestromt, presste sich an die
Stäbe. Gewaltige Tatzen stemmten sich auf den Holzboden
und scharrten im Stroh. Der lange Schweif peitschte.
»Nicht zu nah rangehen!«, warnte Zeisig. »Wenn er blitzschnell durchs Gitter langt, ist der Prankenhieb tödlich.«
»Ein herrliches Tier!«, sagte Tarzan. »Und riesenhaft. Ich
wusste gar nicht, dass Tiger so groß werden können. Die im
Zoo sind kleiner.«
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»Da hast du recht!«, nickte Zeisig. »Napur ist ein besonders schönes Exemplar. Wir haben ihn lange nicht gewogen. Aber er ist schon ein gewaltiger Kerl.«
»Trotzdem wirkt er geschmeidig«, meinte Karl. »Er hat
mächtige Muskeln unter dem Fell.«
Die Grundfarbe war gelbbraun, aber schwarze Streifen zogen sich vom Kopf bis zur Schwanzspitze.
»Jetzt geben wir ihm das Spanferkel«, sagte Zeisig.
Er griff nach einer Eisenstange, die sich vorn gabelte, und
spießte das – von seiner Frischhaltehülle befreite – Spanferkel auf.
Napur ließ ein erwartungsvolles Knurren hören. Es klang
ein bisschen erstaunt. Auch ohne Uhr schien er zu wissen,
dass noch nicht Fütterungszeit war. Aber seine phosphoreszierenden (im Dunkel nachleuchten) Augen ließen keinen
Blick von dem Leckerbissen.
»Wer will’s ihm servieren?«, fragte Zeisig.
»Danke, nein!«, lehnte Klößchen ab. »Napur bringt es fertig und zieht mich an der Eisenstange durchs Gitter – wenn
ich nicht rechtzeitig loslasse.«
Auch Karl verzichtete. Tarzan hatte sich zurückgehalten.
Aber jetzt nahm er die Eisenstange. Unter dem Gitter war
an einer Stelle genügend Abstand zum Käfigboden, um dem
Tiger Fleischbrocken durchzuschieben.
Er schien hungrig zu sein, bäumte sich plötzlich auf, sprang
zur Futterluke und schlug wild mit den Pranken. Ein heiseres Geifern drang aus dem aufgerissenen Rachen. Mächtige
Fangzähne schimmerten. Eine kalte Gänsehaut überzog Tarzans Rücken, als er das Spanferkel mit der Eisenstange durch
den Gitterspalt zwängte.
Mit einer Tatze riss Napur es weg.Als wäre es Beute, schlug
er die Zähne hinein. Knochen krachten. Dann hörte man
ihn schmatzen und schlingen. Im Handumdrehen war nichts
mehr übrig.
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»Ich glaube, zum Raubtierdompteur wäre ich nicht geeignet«, ließ Klößchen sich kleinlaut vernehmen. »Selbst
jetzt ist es beängstigend, ihm zuzusehen. Herr Tomasino hat
Mut.«
»Er hat Napur als winziges Kätzchen bekommen und
buchstäblich mit der Flasche großgezogen«, erklärte Zeisig.
Sie beobachteten Napur noch einen Moment und verließen dann den Stall. Zeisig wollte die Jungs mit seiner Tochter
bekannt machen.
»Leni ist sicherlich in der Scheune«, meinte er, »um für die
Ponys Hafer abzufüllen.«
Fliegen schwirrten. Klößchen wischte sich Schweiß von
der Stirn. Verstohlen holte er ein Stück halb aufgeweichter
Schokolade aus der Tasche und schob es sich rasch in den
Mund.
Karl polierte nachdenklich seine Brillengläser. Sein vergeistigter Blick schien nach innen gerichtet – auf sein Computergedächtnis, wo sicherlich viel Wissenswertes über Tiger
gespeichert war.
Hoffentlich verschont er uns damit, dachte Tarzan amüsiert. Das hat Zeit bis zum Heimweg. Dann kann er meinetwegen loslegen. Jetzt bin ich erst mal gespannt auf Fräulein
Leni. Gäbe es den Zirkus Belloni noch, wäre sie immerhin
eine Zirkusprinzessin.
Sie näherten sich der Scheune, kamen an den Autos vorbei,
und Zeisig sagte gerade, dass der Mercedes Tomasino gehöre
und der Chevrolet ihm selbst. In diesem Moment hörten
sie den Schrei. Eine Frauenstimme schrie. Es kam aus der
Scheune.
»…Hilfe!… Um Himmels willen! Er…«
Das andere erstickte.
»Leni!«, brüllte Zeisig.
Er sprang vorwärts. Gefolgt von den Jungs, rannte er zum
Eingang der Scheune.
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Durchzwängen mussten sie sich. Bis auf einen schmalen
Spalt war das Tor jetzt geschlossen.
Tarzan war hinter Zeisig der Zweite, und er sah gerade
noch, was sich abspielte.
Tomasino drehte durch. Blut drängte in sein verwüstetes Gesicht. Tomatenrot war es und aufgeblasen wie ein Ballon.
Mit beiden Armen hielt er ein Mädchen umklammert.
Leni mochte 18 oder 19 sein. Langes dunkles Haar floss ihr
über die Schultern. Sie war zart, etwas sommersprossig und
auf grazile Weise hübsch.
Dass Tomasino sie küssen wollte – und zwar mit Gewalt,
war offensichtlich. Um sie am Schreien zu hindern, presste er
ihren Mund auf seine Schulter.
Aber jetzt bemerkte er die Störung, ließ Leni los und
wandte sich Zeisig zu. Trotz seiner Trunkenheit bewegte sich
der Dompteur sicher und schnell. Zeisigs Faustschlag wehrte
er ab. Dann traf Tomasino den Zirkusdirektor hart im Gesicht. Zeisig stürzte zu Boden.
Tomasino wollte nach ihm treten, hinterhältig und unfair.
Aber Tarzan sprang ihn an. Den vorgestreckten Ellbogen
rammt er dem Kerl vor den Magen.
Tomasinos schwarze Augen traten wie Ping-Pong-Bälle
hervor. Sein Gesicht schien zu platzen. In Hüfthöhe knickte
er ab. Langsam fiel er zu Boden, wo er keuchend liegen blieb.
Zeisig blutete aus dem Mundwinkel. Aber seine Augen
waren klar. Tarzan half ihm auf.
»Mein Gott!« Leni zitterte. »Ganz plötzlich ist er über
mich hergefallen. Erst hat er mir noch geholfen. Aber dann
hat was ausgehakt bei ihm. Es ist schrecklich.«
Zeisig atmete schwer. Sein Gesicht war kreidebleich. Für
einen Moment presste er die Hände an die Schläfen. Dann
wandte er sich Tomasino zu.
»Nur weil du morgen in die Anstalt kommst, sehe ich da29

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von ab, dich der Polizei zu übergeben, du Lump. Aber wir
sind fertig miteinander. Ich will dich nie wieder sehen.«
Der Dompteur rührte sich nicht. Sein Gesicht war jetzt
fahl. Ein tückischer Blick war auf Zeisig gerichtet.
Völlig meschugge (verrückt)!, dachte Tarzan. Dem hat der
Schnaps wirklich das Gehirn zerstört.
Zeisig nahm seine zitternde Tochter bei der Hand und
führte sie hinaus. Die Jungs folgten ihnen.
Zeisig stellte sie vor. Klößchen schien von dem Mädchen
begeistert zu sein. Jedenfalls bekam er rote Ohren, als sie ihm
die Hand gab.Verstohlen himmelte er sie an. Dass er nur aufgeweichte Schokolade bei sich hatte, also nichts, was er anbieten konnte, wurmte ihn sehr.
»Vielen Dank für dein Eingreifen«, sagte Zeisig zu Tarzan.
»Ohne dich stünde es jetzt schlecht um mich. Leider habe ich
nicht übertrieben, als ich sagte, dass Carlo zu einer Gefahr geworden ist für seine Umwelt. Es kommt anfallsweise. Dann
weiß er nicht mehr, was er tut.«
Sie gingen ins Wohnhaus zurück und unterhielten sich
noch lange.
Die Jungs erzählten von ihrer Schule und der Stadt, in der
die Zeisigs sich noch nicht so gut auskannten. Die wiederum
revanchierten sich (sich erkenntlich zeigen) mit spannenden
Geschichten aus dem Zirkusleben.
Später hörten sie, wie Tomasino in seinen Wagen stieg und
wegfuhr.
»Darf der noch fahren – wenn er ständig betrunken ist?«,
erkundigte sich Tarzan.
Zeisig hob die Achseln. »Es ist sonderbar, aber er hat noch
nie einen Unfall gehabt. Er fährt langsam und vorsichtig.
Wahrscheinlich würde es krachen, wäre er nüchtern.«
»Kein gutes Beispiel!«, sagte Karl.
Tarzan griff in die Tasche und zog ein weinrotes Streichholzbriefchen hervor, das er Zeisig hinhielt.
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»Ist sicherlich Ihres. Es lag in der Scheune.Vielleicht haben
Sie’s verloren, als Sie stürzten.«
Zeisig schüttelte den Kopf. »Das gehört mir nicht.«
Achselzuckend steckte Tarzan es wieder ein. Falls dieses
Reklamebriefchen – denn es trug einen Aufdruck – Tomasino
gehörte, würde der darauf verzichten müssen. Denn dem
hätte er es bestimmt nicht zurückgegeben.
Klößchen hatte nur Augen für Leni, blickte aber verlegen
zu Boden, sobald sie sich an ihn wandte.
Offenbar gab es ihm seine Begeisterung ein, als er sagte:
»Ich würde ja gern dabei sein, wenn morgen die Tiere abgeholt werden. Dürfen wir wieder kommen?«
»Aber selbstverständlich!«, versicherte Zeisig.
Leni fügte hinzu: »Ihr seid doch jetzt unsere Freunde.«
»Dann bis morgen früh!« Klößchen strahlte.
Zeisigs Mundwinkel, wo Carlos Faustschlag ihn getroffen
hatte, war angeschwollen und schmerzte.
Aber er wollte nicht zum Arzt.
»Ich muss hier bleiben und die Tiere bewachen. Ist sowieso die letzte Nacht. Wenn ich deswegen«, er befühlte die
Schwellung, »nicht schlafen kann, nehme ich eben eine Tablette.«
»Lieber nicht, Papa!«, sagte Leni. »Das ist doch dieses starke
Zeug.« Für die Jungs fügte sie erklärend hinzu: »Ich habe mal
eine genommen und war danach wie betäubt. 20 Stunden
habe ich geschlafen. Selbst dann bekam ich die Augen kaum
auf.«
Zeisig lächelte. »Das ist auch nichts für kleine Mädchen –
sondern nur für Notfälle.«
Inzwischen ging es auf den Abend zu. Die drei Freunde
verabschiedeten sich, nachdem Zeisig versichert hatte, Carlo
sei jetzt bestimmt zur Vernunft gekommen und – von ihm –
nichts mehr zu befürchten.
»Vorausgesetzt er kommt überhaupt noch mal zurück.«
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»Hat er hier sein Quartier?«, fragte Tarzan.
»Seit er seinen Wohnwagen verkauft hat, schläft er in der
Scheune. Ihm macht das nichts aus.«
Die Sonne stand schon tief, als die Jungs sich auf ihre Tretmühlen schwangen.
Die Zeisigs winkten ihnen nach. Klößchen renkte sich fast
den Arm aus, so heftig erwiderte er.
Als der Hügelkamm hinter ihnen lag, sagte Karl: »Wie ihr
sicherlich wisst, gehört Napur zu der Gattung der Panthera
tigris, laienhaft auch Tiger genannt. Diese Großkatzen bewohnten in elf Unterarten Vorder- und Hinterindien bis nach
Korea, die Mandschurei und Mongolei sowie Sibirien. Auch
Sumatra und Bali. Der sibirische Tiger erreicht eine Rumpflänge – also ohne Schwanz – bis zu drei Metern. Auch der
Bengalische oder Königstiger ist sehr groß, wie wir gesehen
haben. Napurs Geburtsland wäre – hätte man ihn in Freiheit
zur Welt gebracht – Vorderindien. Normalerweise schreckt
der Tiger vor den Menschen zurück, hat eine angeborene
Scheu vor uns. Und die Schauergeschichten, die über ihn als
blutgierige Bestie in Umlauf sind, treffen nicht zu. Am liebsten jagt er Wildschweine, Kleinhirsche, Affen, Frösche und
sogar Fische. Er…«
»Und Spanferkel!«, warf Klößchen ein.
»Unterbrich mich nicht mit deinen unsachlichen Bemerkungen«, wies Karl ihn zurecht. »Ist ja schließlich nicht ohne
Bedeutung, wenn du erfährst, dass Napur einer der Letzten
seiner Art ist.«
»Wieso?«, fragte Klößchen.
»Weil die Tiger vom Aussterben bedroht sind – wie viele
andere Tierarten auch. Vor 60 Jahren gab es noch über
100000 – weltweit. Aber gelangweilte Maharadschas, englische Kolonialherren und amerikanische Dollarmillionäre
haben sie gejagt. Ohne Risiko, auf sicherem Rücken des
Jagdelefanten hockend, haben sie diese herrlichen Katzen
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abgeknallt. Übrig geblieben sind – ihr werdet es nicht glauben – 4000! Inzwischen werden die Tiger geschützt und in Nationalparks gehegt. Trotzdem gibt es immer noch Wilderer,
die nach den Fellen jagen. Für Pelzmäntel. Oder für Bettvorleger – wie sie noch vor nicht allzu langer Zeit von deutschen
Kaufhäusern in ganzseitigen Inseraten angeboten wurden:
14000 Euro das Stück. Man kann als ausgestorben betrachten – weil es nur noch jeweils zehn oder 20 Exemplare gibt –:
den Kasparischen Tiger, den Chinesischen Tiger, den Sumatra-Tiger, den Java-Tiger, den Bali-Tiger. Nur bei dem Bengaloder Königstiger und dem Indochina-Tiger ist eine Rettung
noch möglich.«
»Hoffentlich haben die Bemühungen Erfolg«, sagte Tarzan. »Aber nach deiner Schilderung sind Tiger die reinsten
Schmusekätzchen. Dabei weiß ich, dass sie durchaus auch zu
Menschenfressern werden können.«
»Das stimmt«, räumte Karl ein. »Alte Tiger, die als Jäger
nicht mehr so flink sind, können sich zum Man Eater (Menschenfresser) entwickeln. Das Gleiche gilt, wenn ein Tiger
angegriffen, gereizt oder verwundet wird. Dann wird er zum
schrecklichsten Gegner.«
Sie fuhren gemächlich. Sie hatten ja Zeit. In der Ferne
tauchte die Silhouette (Schattenriss) der Stadt auf. Mit ihren
Wahrzeichen, den Kirchtürmen und Hochhäusern.
Na also! Tarzan lächelte vor sich hin. War Karl, der Computer, seinen Vortrag doch noch losgeworden!
»Wenn Napur erst mal im Zoo ist«, sagte Klößchen und
zeigte mal wieder sein goldiges Herz, »sollten wir ihn regelmäßig besuchen. Aber nicht mit leeren Händen. Jeweils zu
Pfingsten – und zu Weihnachten, natürlich – müssen wir ihm
ein Spanferkel spendieren.«
»Gute Idee!«, lobte Tarzan. »Ich bin dabei. Mit finanzieller
Beteiligung, meine ich.«
»Ich auch!«, sagte Karl.
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3. Zwei Verbrecher entkommen
Der Tag versprach sonnig zu werden, aber der frühe Morgen
war noch kühl. Tau lag auf den Gräsern. Klare Luft füllte die
wolkenlose Himmelskuppel.
Weit vor der Stadt, wo es um diese Zeit sehr ruhig zuging,
kreuzen sich zwei Landstraßen. Allee-Bäume grenzen ab zu
den Feldern. Dahinter ist der Waldrand. Dunst waberte zwischen den Bäumen. In seinem Schutz wagten sich Rehe auf
die Wiese zur Äsung.
Dicht bei der Kreuzung glänzte die Fahrbahn fettig und
dunkel. Ausgelaufenes Öl machte den Boden glatt wie eine
Curling-Bahn (Eisschießen).
Welches Fahrzeug das Öl während der Nacht oder im Morgengrauen verloren hatte, konnte später nicht festgestellt
werden. Und war auch ohne Bedeutung, denn über verschüttete Milch braucht man nicht mehr zu reden.Was auch für Öl
gilt. Fest stand jedenfalls, dass es sich nicht um eine Falle, sondern um einen unglücklichen Zufall handelte.
Zwei Fahrzeuge näherten sich der Kreuzung aus verschiedenen Richtungen.
Der schwere Lastwagen der Speditionsfirma SICHER
UND SCHNELL kam aus der Stadt.Wagner, ein junger Fahrer, hatte noch nichts geladen, wollte zur nahen Kreisstadt
und war etwas unausgeschlafen. Er hatte letzte Nacht mit
seiner Braut gefeiert, und der schwere Wein steckte ihm
noch in den Haarspitzen. Freilich hinderte ihn das nicht, die
250-PS-Maschine mit Vollgas zu fahren. Die Straße war frei.
Und trocken. Und die Sicht reichte weit. Und im Übrigen:
Wer in einem so stabilen Führerhaus sitzt – was kann dem
passieren?
Das zweite Fahrzeug näherte sich aus Richtung Hängenbach. Es war kastenförmig und grün: ein Transporter der Justiz-Vollzugsanstalt (Gefängnis) Hängenbach.
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Zwei Strafgefangene wurden zur Stadt überführt – in eine
Haftanstalt, die ausbruchsicher war. Georg Hardtke und
Otto Fensel galten als gefährliche Berufsverbrecher. Ihrer
Sehnsucht nach Freiheit war jedes Risiko recht. Sie hatten
mehrjährige Strafen vor sich – wegen bewaffneten Banküberfalls.
Mit Handschellen gefesselt, saßen sie jetzt im Kastenraum.
Die kleinen Fenster ließen nur wenig Morgenlicht herein. Im
Zwielicht dösten die beiden vor sich hin: mürrisch, wütend
über ihre Lage und das Schicksal und die verdammte Polizei,
die sie doch wieder erwischt hatte.
Hardtke war 50 Jahre alt und mehrfach vorbestraft. Sein
Dreieck-Gesicht – mit sehr schmaler Stirn – wirkte roh. Eine
Hautkrankheit hatte Spuren hinterlassen. Seine Haut war
narbig und fleckig wie ausrangiertes Fußballleder. Er hatte
riesenhafte Hände mit kurz bekauten Fingernägeln. Langsames Denken war ihm angeboren. Aber wenn er zu einem
Ergebnis gekommen war und einen Entschluss daran anknüpfte, hielt er stur daran fest.
»Mist?«, sagte er jetzt durch die Zähne.
»Was?«
»In Hängenbach wäre es leichter gewesen. Irgendwann
hätten wir die Platte geputzt (abhauen).«
»Wem sagst du das!«
»Wie?«
»Ich meine, du hast recht.« Fensel seufzte.
»Klar habe ich recht. Jetzt können wir uns auf acht Jahre
Knast einrichten.«
»Ohne mich.«
»Hah! Was willst du denn machen? Selbst bei bester Führung wird’s nicht weniger. Nicht bei uns! Dafür sind wir schon
zu oft drin gewesen.«
»Wenn du damals nicht«, begann Fensel, »den dämlichen…«
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»Fang nicht schon wieder an!«, unterbrach Hardtke seinen
Komplizen. »Ich habe keine Schuld. Du hast… Aber das ist
jetzt egal! Sie haben uns erwischt. Wir sitzen im Dreck. Und
ich weiß nicht, wie wir rauskommen.«
»Ich auch nicht.«
Beide Fahrzeuge – der Laster der Speditionsfirma SICHER UND SCHNELL mit Wagner am Lenkrad und der
Gefangenentransporter – hatten sich inzwischen der ölverschmierten Kreuzung ein gutes Stück genähert.
»Letzte Nacht habe ich was Komisches geträumt«, sagte
Fensel. »Es gab ein Erdbeben, und die Knastbude, in die wir
jetzt kommen, fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Du hast
einen Zementbrocken auf die Rübe gekriegt.« Er grinste.
»Aber mir ist nichts passiert. Ich habe dich dann rausgeschleift und wir sind zusammen getürmt. Schöner Traum,
was?«
»Ein blöder Traum!«
»Weshalb?«
»Na, wenn man dann aufwacht, und es ist alles nicht wahr –
kann man glatt die Nerven verlieren. War ich verletzt?«
»Was?«
»Ich meine, ob der Zementbrocken mich stark beschädigt
hat?«
»War nicht weiter schlimm. Hat ja keinen wichtigen Körperteil getroffen. Stell dir vor, er wäre dir auf die Füße gefallen.«
»Hahah!«
Nach Hardtkes gequältem Lachen redeten sie nicht mehr.
Der fällt wirklich auf alles rein, dachte Fensel. Dem kann
man erzählen, was man will – er glaubt es.Aber wenn ich ihm
jetzt sage, dass ich überhaupt nichts geträumt habe, würde er
wütend werden. Hätte mir einen Kumpel suchen sollen, der
mehr Fantasie hat. Dann säßen wir jetzt nicht hier.
Fensel starrte auf die Handschellen an seinen Gelenken,
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und die miese Stimmung – dieses Gemisch aus Niedergeschlagenheit und Hass – nahm wieder Besitz von ihm.
Fensel war erst 32, stand aber seinem Komplizen an Vorstrafen nicht nach. Er hatte eine hellblonde Hippie-Mähne,
rosige Haut und blassblaue Augen. In der Unterwelt hatte
man ihm den Spitznamen »Vanille« gegeben. Den hasste er.
Sein schwerer Körper neigte zum Fettansatz.Arme und Beine
waren kurz geraten, und der Kopf saß – fast ohne Hals – auf
den Schultern.
Während die beiden sich unerquicklichen Gedanken hingaben, war die Stimmung vorn in der Fahrerkabine etwas
besser.
Justizwachtmeister Schneider saß am Lenkrad. Sein Kollege Zieseler biss gerade in sein Frühstücksbrot. Den Kaffee
aus der Thermosflasche hatte er schon getrunken. Aber als
Morgenmuffel, was angeboren war, fühlte er sich immer noch
dösig.
Beide waren erfahrene Beamte, und Transporte wie dieser
gehörten zu ihrer Routine (Fertigkeit). Sie trugen Dienstpistolen, und in Zieselers Uniformjacke steckten die Schlüssel,
mit denen die Handschellen der Häftlinge sich öffnen ließen.
Ein kleines Fenster – aus schlagfestem Glas und zusätzlich
vergittert – verband den Transportraum mit der Fahrerkabine.
Ab und zu drehte Zieseler sich um, um nach den beiden zu
sehen.
Jetzt gähnte er.
»Immer noch müde?«, fragte Schneider.
»Ab neun bin ich ansprechbar.«
»Entschuldige, dass ich rede«, lachte Schneider.
»Wird ein schöner Tag.«
»Für uns bestimmt. Für die beiden weniger.«
Sie fuhren jetzt zwischen den Allee-Bäumen.
Noch 100 Meter bis zur ölverschmierten Kreuzung.
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»Der rast wie ein Verrückter!«, sagte Schneider.
»Wer?« Zieseler hatte für einen Moment die Augen geschlossen.
Sein Kollege deutete nach vom.
Wagners schwerer Laster kam ihnen entgegen. Er fuhr zu
schnell, befand sich aber – wie auch der Gefangenentransporter – auf der Vorfahrtsstraße. Nach rechts und nach links,
wo die kreuzende Straße verlief, war freie Sicht, nichts und
niemand zu sehen. Kein Grund also für Wagner, das Tempo
zu mindern.
Mitten auf der Kreuzung begegneten sich die Fahrzeuge.
Normalerweise wären sie aneinander vorbeigefahren. Dass
die Kreuzung schmal war – das allein hätte keine gefährliche
Situation geschaffen.
Aber da war die große Öllache. Sie reichte von Rand zu
Rand. Im Schatten der Chaussee-Bäume fiel sie kaum auf,
war nur aus der Nähe zu erkennen.
Wagner sah sie in letzter Sekunde. Er erschrak. Instinktiv
trat sein Fuß auf die Bremse. Eine falsche Reaktion!
Plötzlich schien das tonnenschwere Fahrzeug sich selbstständig zu machen. Es schlitterte und brach nach links aus.
Wagner schrie auf. Er sah noch die entsetzten Gesichter der
beiden Justizbeamten hinter der Windschutzscheibe – dann
geschah das Unglück.
Im spitzen Winkel stieß die gewaltige Motorhaube des
Lasters gegen den grünen Transporter. Er wurde an der Seite
getroffen. Stahlblech kreischte, verformte sich, riss auf. Die
Wucht des Zusammenstoßes warf den Transporter aus der
Bahn. Auch seine Vorderräder gerieten jetzt auf die Öllache.
Schneider versuchte gegenzulenken, aber es war zu spät.
Mit kaum verminderter Geschwindigkeit raste der Transporter in den Chaussee-Graben. Und stürzte um.
Im selben Moment stieß der Speditionslaster frontal gegen
einen Allee-Baum, knickte ihn, rutschte mit dem linken Vor38

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derrad in den Graben und kam endlich zum Stillstand. Der
Motor soff ab.
Wagner war mit der Stirn gegen den Rahmen der Windschutzscheibe geprallt. Halb bewusstlos hing er über dem
Lenkrad. Blut lief aus einer zentimeterlangen Platzwunde.
Der Gefangenentransporter lag auf der rechten Seite. Der
Motor war verstummt. Blech knisterte. Das linke Vorderrad
drehte sich sinnlos in der Luft. Zusammenstoß und Aufprall
hatten die Hecktür aufgesprengt. Das Sicherheitsschloss war
geborsten.
Hardtke hatte einen fürchterlichen Ruck verspürt. Er war
hinausgeschleudert worden, aber weich auf fauligem Laub
und feuchter Erde gelandet. Trotz gefesselter Hände hatte er
sich nichts verstaucht oder geprellt.
Benommen richtete er sich auf.
»Mann!« Fensel torkelte gebückt aus dem Kastenraum,
trampelte über eine der Türhälften und hob die gefesselten
Hände. »Georg! Ein Wunder! Wir sind frei.«
»Frei?« Hardtke stand auf. »Du blutest im Gesicht.«
»Was? Na und? Wen interessiert das? Ist nur ’ne
Schramme! Kapierst du nicht? Wir können abhauen. Ein
herrlicher Unfall! Das ist unsere Chance!«
Hardtke blickte zur Fahrerkabine. »Und die beiden Bullen?«, fragte er gedämpft.
Auch Fensel wandte den Kopf.
Vorn rührte sich nichts.
»Wir brauchen die Schlüssel für die Handschellen«, zischte
Fensel.
Sie liefen nach vorn. Es gab keine Windschutzscheibe
mehr. Samt Rahmen und in einem Stück hatte sie sich »verabschiedet«. Sie war aufs Feld gesegelt, lag dort und fing
Strahlen der Morgensonne ein.
Schneider und Zieseler lagen übereinander auf der Sitzbank der Fahrerkabine. Beide waren bewusstlos. Zieseler
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hatte Schnittwunden im Gesicht. Schneider stöhnte leise. Sein
rechter Arm war gebrochen, wie sich später herausstellte.
Zieseler hatte sich mehrere Rippen gequetscht und würde
wochenlang einen elastischen Verband tragen müssen.
»Los! Hilf mir!«
Fensel packte Zieseler am Oberarm und zerrte ihn so weit
aus der Fahrerkabine heraus, dass er die Taschen der Uniformjacke durchwühlen konnte.
Einen Moment später hatte er die Schlüssel gefunden.
Rasch befreiten die beiden Verbrecher sich von den Handschellen.
»Jetzt nichts wie weg!«, murmelte Hardtke.
Fensel nahm den Justizbeamten die Pistolen ab.
Beim Speditionslaster, der – etwa 20 Meter entfernt – quer
stehend die Fahrbahn blockierte, regte sich was. Die Fahrertür wurde aufgestoßen. Wagner taumelte heraus.
Augenblicklich hob Fensel eine Pistole.
»Leg dich auf den Boden!«, brüllte er. »Gesicht nach unten! Keine Bewegung!«
Wagner glotzte. Er begriff nicht. Sein Kopf dröhnte. Ihm
war übel und die Knie hatten sich in Pudding verwandelt. So
gesehen, war es ihm recht, sich hinzulegen.
Fensel befahl ihm noch, mindestens 20 Minuten so zu
verharren, dann rannten beide Verbrecher über das Feld
dem nahen Waldrand entgegen. Irgendwo in der Ferne
schnatterte ein Hubschrauber. Auf den Landstraßen war es
ruhig.
Schwer atmend – nach raschem Lauf über feuchte Erde –
blieben sie unter den ersten Bäumen stehen.
»Hier beginnt der so genannte Große Wald«, keuchte Fensel. »Kenne mich aus in der Gegend. Ein endloses Gebiet.
Weiter drin beim Naturschutzpark ist der Wald wie Urwald.Tolle Verstecke für uns. Es gibt Wochenendhäuser. Und
eine stinkvornehme Bungalow-Siedlung, wo die ganz Rei40

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chen wohnen, denen die Stadtluft zu miefig ist. Georg, hier
findet uns niemand.«
»Und wenn die Bullen Suchhunde einsetzen?«
»Glaube ich nicht. Die denken doch, dass wir uns zur Stadt
durchschlagen und dort Kontakte aufnehmen, die uns weiterhelfen. Die denken, wir krallen uns einen Wagen und hauen
ab. Aber wir, Mann, wir wandern jetzt querwaldein zu den
Singenden Felsen.«

*
Sie hatten geschlafen wie die Murmeltiere. Jetzt nahmen sie
ein tolles Frühstück ein. Amalie trug es auf. Sie strahlte, weil
es den Jungen so gut schmeckte. Tarzan sagte, es wäre fürstlich und die morgendliche Abfütterung im Internat damit
nicht zu vergleichen. Klößchen bestätigte das, indem er heftig nickte. Reden konnte er nicht. Seine Backentaschen waren gefüllt wie bei einem Hamster. Karl, sonst ein schlechter
Esser, griff zum dritten Mal zu.
Sonnenlicht fiel in das Sauerlich’sche Frühstückszimmer.
Im großen Garten hinter der Villa summten Bienen von
Blüte zu Blüte. Für Tarzan ein Grund, rasch noch einen Löffel Honig zu nehmen. Er mochte Süßes sonst nicht.Aber Honig war eine Ausnahme.
»Und jetzt ins Heinrichstal!«, sagte Klößchen.
Als sie durch die Eingangshalle gingen, öffnete Amalie die
Küchentür.
»Kommt ihr zum Mittagessen?«
»Selbstverständlich!«, sagte Klößchen. Dann fiel ihm ein,
dass es nur Gemüse gab – und kein Spanferkel. »Äh… wahrscheinlich«, schränkte er ein.
»Ich fahre noch mal in die Stadt«, sagte Amalie, »und hole
den Rinderbraten ab, den ich gestern bestellt habe.Wenn der
Tiger so gut gefüttert wird, sollt ihr nicht darben.«
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»Wir sind pünktlich zurück, Frau Dessart!« Klößchen rieb
sich die Hände. Als sie im Freien waren, sagte er: »Sie ist
wirklich eine Perle. Die Frau, die ich mal heirate, muss so gut
kochen können wie sie.«
»Ob meine Zukünftige kochen kann, ist mir völlig egal«,
meinte Tarzan. »Wichtig ist, dass wir uns gut verstehen. Und
gemeinsame Interessen und Ziele haben. Kochen und Essen
rechne ich nicht dazu.«
Klößchen grinste. »Gaby kocht aber schon recht gut. Ihre
Mutter bringt’s ihr bei.«
»Wie kommst du auf Gaby?«
»Ach nur so. Weiß man denn, wie das Schicksal so spielt?«
»Du spinnst mal wieder! Was dir so einfällt, wenn du gut
gegessen hast! Dass Pfote einsame Spitze ist, wissen wir alle.
Wirklich sehr hübsch. Und sportlich. Und begabt. Und ein
toller Charakter, sonst wäre sie nicht in der TKKG-Bande.
Aber sie ist auch ein ganz schöner Dickkopf – und dass sie
von uns einen heiratet, kann ich mir nicht vorstellen.«
»Mich oder Willi bestimmt nicht«, stellte Klößchen lachend fest. »Aber du kämst infrage.«
»Blödsinn!«
»Ich mache so meine Beobachtungen«, stellte Karl geheimnisvoll fest.
»Ja, welche denn?« Kaum hatte Tarzan das ausgesprochen,
ärgerte er sich. Seine Stimme klang allzu begierig.
»Na, wenn du mit irgendwas wieder mal Kopf und Kragen
riskierst, flippt sie aus vor lauter Angst. Wenn du’s dann heil
überstanden hast, kriegt sie ganz blanke Augen.«
»Das ist menschliche Anteilnahme. So empfindet sie für
jeden von uns. Darauf kann ich mir nichts einbilden. Im Übrigen liegt das heiratsfähige Alter noch weit vor uns. Auf die
Drahtesel, Freunde! Herr Zeisig erwartet uns. Und«, fügte er
anzüglich hinzu, »vielleicht ist auch Leni da. Dann könntest
du ja mal fragen, Willi, wie es um ihre Kochkünste steht.«
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»Verstehe nicht, was du meinst«, behauptete Klößchen mit
errötetem Mondgesicht.
Sie fuhren los. Es war später als beabsichtigt. Tarzan legte
Tempo vor. Heute, am Pfingstsamstag, herrschte hektische
Betriebsamkeit in der Stadt. Jedermann schien rasch noch
was einzukaufen und die Straßen verstopften sich. Aber die
Jungs auf ihren Rädern kamen zügig voran.
Außerhalb der Stadt folgten sie der verschmutzten Straße.
Bevor sie den gerölligen Feldweg erreichten, wurden sie
von einem Polizeiwagen überholt. Zwei Uniformierte saßen
darin und ein Zivilbeamter.
Tarzan erkannte, dass es sich um Kommissar Blüchl handelte – einen Kollegen von Gabys Vater, Kommissar Glockner. Freilich – im Gegensatz zu Glockner war Blüchl sehr unbeliebt. Er galt als Wichtigtuer und benahm sich sehr harsch.
Aus schmalen Augen beobachtete Tarzan, wohin der Wagen fuhr. Geradeaus? Nein! Jetzt bog er ab – zum Heinrichstal-Gehöft. Um Himmels willen! Also war was passiert!
»Hat Tomasino wieder einen Anfall gekriegt?«, meinte
Karl, der sich die gleichen Gedanken machte.
»Vielleicht weigert er sich, in die Entziehungsanstalt zu gehen«, rief Klößchen.
»Ich fahre mal voraus!« Tarzan legte einige Radumdrehungen zu.Weit vor seinen Freunden erreichte er das Gehöft.
Zeisigs Chevrolet parkte zwischen den Gebäuden. Der
Polizeiwagen stand daneben. Tomasinos Mercedes war verschwunden. Im ersten Stall wieherte ein Pony. Im hinteren
Stallgebäude, wo Napur war, redeten Männerstimmen aufgeregt durcheinander.
Tarzan stellte sein Rad ab und rannte zum Eingang.
»…ist mir völlig unerklärlich«, sagte Herr Zeisig gerade. In
seiner Kehle schien was zu zittern.
»Unerklärlich?«, fuhr Blüchl ihn an. »Ich denke, Sie haben
hier gewacht. Sie sind verantwortlich für das Vieh.«
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»Ja, schon. Aber… ich… konnte wegen einer Verletzung
nicht schlafen und habe ein starkes Beruhigungsmittel genommen. Offenbar hat das wie eine Narkose gewirkt. Erst als
meine Tochter mich vorhin weckte, kam ich zu mir. Sie war
aus der Stadt hergekommen, hat das hier entdeckt und ist
dann gleich zurückgefahren, um Sie zu verständigen. Hier ist
ja leider kein Telefon.«
Tarzan stand im Eingang. Die vier Männer kehrten ihm
den Rücken zu. Vor Napurs Käfig hatten sie sich aufgebaut,
und sie starrten hinein, als gäbe es was Besonderes zu sehen.
Aber es gab nichts – der Käfig war leer.
Tarzan räusperte sich und alle drehten sich um.
»Hau ab!«, sagte Blüchl durch die Zähne. »Du hast hier
nichts zu suchen.«
Er war ein großer fleischiger Kerl mit rötlicher Haut und
dicken Lippen. Seine Stirnglatze sah so appetitlich aus wie
verdorbene Lachsscheiben.
»Den Jungen kenne ich«, sagte Zeisig rasch. »Er besucht
mich. Hallo, Tarzan!«
Tarzan grüßte und sein Gruß schloss die andern mit ein.
»Napur ist verschwunden«, sagte Zeisig und versuchte ein
Lächeln. »Aus dem verschlossenen Käfig. Hat sich in Luft
aufgelöst. Es ist unerklärlich.«
»War Carlo Tomasino noch mal hier?«, fragte Tarzan.
»Er kam gestern Abend zurück und schlief dann in der
Scheune«, nickte Zeisig. »War aber heute Morgen nicht mehr
da.«
»Das ist ohne Bedeutung«, sagte Blüchl ungehalten. »Oder
wollen Sie mir weismachen, der Dompteur hätte den Tiger –
einen riesenhaften Tiger! – am Halsband mitgenommen?«
»Natürlich nicht!« Zeisig atmete tief. »Das ist unmöglich.
Napur gehorchte ihm zwar, aber nur im Manegenkäfig. Ich
verstehe wirklich nicht…« Seine Stimme versickerte. Kopfschüttelnd starrte er zu Boden.
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Hinter Tarzan knirschten Reifen im Sand. Seine Freunde
waren angelangt. Er sagte ihnen, was passiert war.
Augenblicklich zog Klößchen den Kopf ein und spähte
angstvoll umher.
»Wusste ich’s doch! Dem Biest ist nicht zu trauen. Bestimmt hat es sich durch die Gitterstäbe gezwängt. Und jetzt
denkt es, ich bin so ein Spanferkel…«
»Nun mach dir nicht gleich in die Hose«, sagte Karl.
»Wahrscheinlich hat Tomasino den Tiger irgendwo eingesperrt.Weil er nicht will, dass Napur in den Zoo kommt. Oder
weil er ein Druckmittel braucht – nach Art der Erpresser –,
um sich selbst vor der Entziehungsanstalt zu bewahren. Denn
dass Trinker dort freiwillig hingehen, ist ja kaum zu erwarten,
wie man weiß.«
»Mit deinem scharfen Verstand ist wirklich immer zu
rechnen«, sagte Tarzan anerkennend. »Toller Einfall.« Er
wandte sich an die Beamten. »Sie haben sicherlich gehört,
was mein Freund Karl Vierstein sehr richtig äußerte. Dass
Carlo Tomasino so was ausheckt, ist nicht unwahrscheinlich. Ein überzeugendes Motiv, nicht wahr? Und noch etwas
kommt hinzu.«
Er trat in den Stall und näherte sich dem Käfigwagen.
»Gestern«, sagte er, »stand das Gefährt hier!« Er wies auf
die Stelle. »Etwa zwei Meter weiter links.«
»Stimmt das?« Blüchl sah Zeisig an.
Der Zirkusdirektor rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Offensichtlich wirkte das starke Schlafmittel noch.
»Kann sein. Ja. Wenn Tarzan es sagt. Also, im Moment erinnere ich mich nicht.«
»Bengel, spiel dich nur nicht auf«, wurde Tarzan von
Blüchl angeschnauzt. »Deine Mitarbeit ist hier nicht gefragt.
Verschwinde!«
»Wie Sie wünschen«, erwiderte Tarzan. »Ich mache nur darauf aufmerksam, dass der Käfigwagen von Tomasino – ver45

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mutlich – weggefahren wurde. Er brauchte nur mit seinem
Mercedes rückwärts durch den sehr breiten Eingang zu stoßen und den Raubtierwagen anzukoppeln. Er hat Napur
irgendwohin gebracht und den Käfigwagen zurück. Spricht
alles für die Theorie meines Freundes. Guten Tag!«
Er wandte sich ab, ging zu seinem Rad und wartete, bis
seine Freunde neben ihm waren.
»Dieser Molch!«, sagte er wütend. »Sieht aus wie Marzipan
in Himbeersoße und benimmt sich auch so. Unsereins will
zur Aufklärung beitragen und wird angepfiffen.Aber das verspreche ich dir, Karl: Sollte sich deine Idee bewahrheiten,
dann erzähle ich den Zeitungsreportern, dass du sie hattest.
Zuerst hattest! Blüchl wird nämlich, wenn es so ist, bestimmt
behaupten, er wäre darauf gekommen.«
Klößchen sah über die Schulter, als lauere Napur zähnefletschend hinter ihm: »Und was wird jetzt?«
»Große Suche nach Tomasino. Was sonst!«
»Um von ihm zu hören, wo der Tiger ist?«
»Klar.«
»Hm. Wollen wir nicht schnellstens nach Hause fahren?
Fenster und Türen geschlossen halten und uns Amalies
Kochkünsten widmen?«
»Feigling!«
»Möchtest du diesem Vieh begegnen?«
»Wir werden ihm nicht begegnen. Tomasino hat es irgendwo eingesperrt.«
Karl sagte: »Das wird aber viel Aufregung geben. Denn
dass Blüchl den Dompteur gleich findet, glaube ich nicht.«
Tarzan lächelte. »Den Dompteur finden wir.«
»O Gott!«, ächzte Klößchen. »Und wenn er den bengalischen Kater bei sich hat… Nun hör aber auf, Tarzan! Außerdem: Wie willst du ihn denn finden?«
Tarzans Lächeln verstärkte sich. »Ich habe einen Hinweis.
Einen klitzekleinen Hinweis. Vielleicht bringt er nichts, viel46

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leicht trifft er ins Schwarze. Wie auch immer – dieser grausliche Blüchl erfährt davon nichts.«
»Wovon?«, fragte Karl.
»Erinnert ihr euch? Gestern, nach der Keilerei in der
Scheune, habe ich das Streichholzbriefchen aufgehoben.
Dachte, es gehöre Zeisig. Aber das war nicht so, wie wir wissen. Also kann es nur Tomasino gehören. Und ist ihm aus der
Tasche gefallen, als ich ihm eins auf die Verdauungszentrale
gab.«
Karl pfiff durch die Zähne. »Was stand denn drauf?«
»Die Anschrift einer Kneipe. Oder Bar. Was weiß ich. Die
Grotte – Spitzeder-Straße… Die Nummer weiß ich nicht
mehr. Aber das finden wir schon.«
»Sieh doch nach!«, sagte Klößchen.
»Hab’s ja nicht mehr, sondern weggeworfen.Von dem Kerl
wollte ich nichts in der Tasche haben.«
»Und du meinst, dort erfahren wir, wo er steckt?«, fragte
Karl.
»Hoffentlich. Aber fassen wir doch mal die Tatsachen
zusammen. Der Zirkus – vielmehr das, was von ihm übrig
blieb – ist noch nicht lange hier. Ein Typ wie Carlo Tomasino
findet schwer Anschluss. Bei den Zeisigs war er unten durch.
Also sucht er sich – zumal er dauernd schnäpselt – woanders
einen Kreis. Und sei’s auch nur den Wirt einer billigen Spelunke. Und wenn’s ihm dort gefällt, geht er eben immer wieder hin. Das heißt, allzu billig kann die Grotte nicht sein.
Denn Kneipen der unteren Kategorie (Klasse) führen keine
Reklamestreichhölzer.«
Klößchen, der mit Blickrichtung zum Stall stand, sagte:
»Sie kommen.«
Tarzan vergeudete keinen Blick, sondern stieg auf sein
Rennrad und setzte sich an die Spitze der Dreiergruppe.
Inzwischen war es heiß geworden. Die amtlichen Wetterfrösche prophezeiten (vorhersagen) für Pfingsten Hitze und
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Sonnenschein. Blechkarawanen würden sich in Bewegung
setzen: aus der Großstadt hinaus in die grüne Natur. Und im
Großen Wald – so groß der auch war – kribbelte und wimmelte es dann sicherlich wie in einem Ameisenhaufen: Camping, Picknick, Jogging und Wanderlust.
Ob sich wohl die Mädchen in ihrem Zeltlager gestört fühlen, überlegte Tarzan, wenn die Menschenmassen anrücken?
Und die Pauker bei ihrer Waldfete (Fest)?
Auch auf dem Rückweg zur Stadt wurden sie von dem Polizeiwagen überholt. Blüchl hatte den Kopf weggedreht, als
existierten die Jungs nicht.
Zur »Grotte« fuhr der bestimmt nicht. Tarzan grinste. Wie
man sah: Schlechtes Benehmen hatte Folgen. Blüchl tappte
im Dunkeln, was Tomasino betraf.
Die Jungs kannten die Spitzeder-Straße, einen AsphaltLindwurm im Vergnügungsviertel der Stadt, bei Tag ziemlich
tot, aber nach Einbruch der Dunkelheit prallvoll mit Leben.
Das lag an den zahlreichen Etablissements (Vergnügungsstätten), von denen Nachtbummler sich anlocken ließen wie
Motten vom Licht. Es gab Weinlokale, Bars, Diskotheken und
exotische (fremdländische) Lokale. Mancherorts konnte man
angeblich Rauschgift kaufen. Oder Diebesbeute. Und bei
Nacht wimmelte die Gegend von zwielichtigen Typen. Das
hier zuständige Polizeirevier hatte die meisten Einsätze.
Die TKKG-Freunde erreichten die Straße und begannen,
nach der »Grotte« zu suchen.

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4. Kathie, die Schlafwandlerin
Keins der Mädchen war vor Mitternacht eingeschlafen, zu
aufregend die erste Nacht im tiefen Wald. Sie hatten lange getuschelt in ihren Dreier-Zelten – von denen vier aufgebaut
waren. So kam es, dass am Morgen alle verschliefen. Sogar
Lotte Weimar und Isabell Renke, die beiden Trainerinnen
des Schwimmklubs, ließen sich nicht vom Sonnenlicht wecken. Golden und grell fiel es durch die Baumwipfel auf das
Zeltlager der Mädchen.
Lotte und Isabell waren junge Frauen. Die eine arbeitete
als Sportlehrerin an einer Grundschule, die andere als Sozialfürsorgerin bei der Stadt. Ihr Zweier-Zelt wies die meisten
Flickstellen auf. Es war schon lange in Betrieb. Jetzt wurde
der Reißverschluss des Eingangs geöffnet. Lotte, bekleidet
mit einem sandfarbenen Trainingsanzug, kroch ins Freie,
blinzelte, rieb sich die Augen – im Knien – und holte tief Luft.
»Aufstehen, meine Damen! Es ist heller Tag.«
Sie musste ihre Aufforderung wiederholen, ehe in den anderen Zelten sich was regte.
Gaby wohnte – wie sie es großartig nannte – mit zwei
Schwimmklubfreundinnen zusammen: mit Inge Esting und
Kathie Lorenz. Inge war zart und braunhaarig, hatte dunkle
Kulleraugen und – wie auch Gaby – ihren Hund mitgebracht.
Er hörte auf den eindrucksvollen Namen Man Eater (Menschenfresser) und ließ sich bequem in der Handtasche transportieren oder vorn in der Bluse tragen. Man Eater war ein
rehfarbiger Rehpinscher, ein freches Kerlchen in Westentaschenformat, und kaum ein Jahr alt.
Oskar – Gabys schwarzweißer Cockerspaniel – liebte ihn
wie einen Sohn. Auch jetzt leckte er ihm zur morgendlichen
Begrüßung über die Schnauze und Man Eater wedelte freudig mit seinem – nur andeutungsweise vorhandenen – Stummelschwanz.
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Beide Hunde wuselten aus dem Zelt, waren gleich die
Muntersten von allen und tollten – nachdem sie an mehreren
Sträuchern das Bein gehoben hatten – im Lager umher.
Die Mädchen sahen zu und lachten.
Gaby schüttelte ihr goldblondes Haar. Mit zwei Fingern
bog sie ihre langen, dunklen Wimpern nach oben. Ihr Pony
war – ausnahmsweise mal – kurz geschnitten, zweckmäßig
also, wenn man sich in freier Wildbahn fernab der Zivilisation
tagelang aufhalten will. Freilich – so ganz auf Zivilisation verzichteten die jungen Damen nicht. In aparten Rucksäcken
hatten sie alles mitgebracht, was zum leiblichen Wohl und zur
Schönheitspflege gehört.
In der Nähe murmelte ein quellklarer Bach. Während die
zwölf Mädchen sich dort wuschen, bereiteten die Trainerinnen auf einem Spirituskocher heißen Tee für alle. Beim Bach
wurde gekichert, geschrubbt, gespritzt und gebibbert – denn
das Wasser war kalt. Kathie Lorenz wirkte müde.
»Sag mal, Kathie.« Gaby hatte die kalte Abreibung beendet und schlüpfte in T-Shirt und Jeans. »Warst du heute Nacht
noch unterwegs?«
»Unterwegs? Wieso?« Kathie trug ihr rötliches Haar so
kurz wie ein sportlicher Junge. Sie hatte grüne Augen und
viele Sommersprossen im milchigen Teint. Sie war hübsch
und eine gute Delfin-Schwimmerin.
»Hast du’s nicht gemerkt«, Gaby lachte. »Du lagst vorhin
verkehrt herum auf dem Schlafsack. Drauf, wohlgemerkt,
nicht drin! Und der Zelteingang war offen. Und irgendwann
heute Nacht war mir auch, als hätten die Hunde kurz angeschlagen. Ich war aber zu müde, um darauf zu achten. Ich
dachte, ich träume.«
Kathie lächelte verlegen. »Ich… ich war mal kurz weg.«
»Ach so.«
»Nein, nicht was du denkst. Ich musste nicht verschwinden,
sondern…« Sie stockte.
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»Ja?«
Kathie senkte die Stimme. »Ich kann nichts dafür, weißt
du. Ich bin Schlafwandlerin.«
»Wie? Ach?« Gaby machte große Augen. »Du schlafwandelst? Da müssen wir ja aufpassen auf dich. Dass du dich
nicht im Wald verirrst. Sag mal, wie ist denn das?«
»Schlafwandeln ist angeboren. Meistens kommt es nur bei
Kindern und Jugendlichen vor. Nach der Pubertät (Reifezeit)
verliert sich diese dumme Gewohnheit. Im Allgemeinen,
jedenfalls. Dass ich schlafwandele, merke ich selbst gar nicht.
Das ist es ja eben. Meine Eltern haben mich dabei beobachtet. Sonst wüsste ich nicht, dass ich unter Somnambulismus –
das ist das Fremdwort dafür – leide. Dass ich dabei aufwache,
kommt selten vor. Etwa zwei Stunden nach dem Einschlafen
passiert es. Ich steige aus dem Bett. Mit geöffneten Augen
tappe ich durch die Wohnung, völlig sinnlos, mit tastend ausgestreckten Händen, ohne Ziel. Trotz geöffneter Augen sehe
ich nichts. Ich bin dann – wie alle Schlafwandler – in einer
Tiefschlafphase, also völlig weg. Ich tappe umher, gehe ins
Bett zurück, lege mich lang und schlafe weiter. Am nächsten
Morgen weiß ich von nichts.«
»Und wie kann man dich wach machen?«
»Indem man mich aufweckt – aber das muss ziemlich
energisch geschehen –, oder wenn ich mich schmerzhaft
stoße.«
»Aha!«
»Wir wohnten früher im sechsten Stock eines Hochhauses,
Gaby.Als meine Eltern merkten, dass ich schlafwandele, sind
wir in eine Parterre-Wohnung umgezogen. Es kommt nämlich vor, dass Schlafwandler Fenster öffnen und hinaussteigen. Man weiß von tödlichen Unfällen.«
»O weh!«
Kathie lächelte. »Heute Nacht bin ich aufgewacht. Und
zwar bei den Singenden Felsen. Ich muss also über die Lich51

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tung marschiert sein und dann das lange Stück die Forststraße entlang.«
»Nicht zu fassen! So weit?«
Die beiden Mädchen standen jetzt neben ihrem Zelt und
bürsteten sich die Haare. Oskar und Man Eater jagten sich
übermütig. Die Trainerinnen hatten 14 stabile Picknick-Becher auf den kleinen Klapptisch gestellt und füllten Tee ein.
Dichter Wald umgab die Lichtung, auf der die Zelte standen.
Hohes Gras wuchs. Bienen summten. Unter den Bäumen
breiteten sich weiche Moosbänke aus. Es gab Brombeer- und
Himbeerranken. Farne standen hoch. Vorn berührten sich
die Lichtung und das Ende der Forststraße. An der Stelle
verbreiterte sie sich zu einem sandigen Platz, wo Fuhrwerke
wenden konnten. In einiger Entfernung türmten sich die Singenden Felsen zu einer eindrucksvollen Kulisse auf: bis zu
30 Meter hohe Felsbrocken, die eine fußballfeldgroße Fläche
bedeckten. Wenn in stürmischen Herbstnächten der Wind
über Kanten und durch Spalten fuhr, entstanden Geräusche
wie ferner Gesang. Nächtliche Wanderer hatten berichtet,
wie schauerlich das klang. Daher hatten die Felsen ihren
Namen.
»Wahrscheinlich«, Kathie lächelte, »ist das ein Rekord für
Schlafwandler. Die Strecke, meine ich.«
Sie legte ihre Bürste weg. Gaby kämmte noch.
»Und was hat dich geweckt, Kathie?«
»Ich bin gegen einen Baum gelaufen. Aber mein Kopf war
härter. Kann auch sein, dass das Auto mich geweckt hat.«
»Ein Auto?«
»Es hielt bei den Singenden Felsen, so ein komischer Campingwagen, glaube ich.«
»Sonderbar. Über die Forststraße darf man doch nur fahren, wenn man eine Sondererlaubnis hat.«
»Vielleicht hatte der Mann die. Es war jedenfalls ein heller
Mercedes mit einem Wohnwagen als Anhänger. Die Schein52

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werfer waren abgeblendet. Aber im Mondlicht sah ich, dass
ein Mann sich am Anhänger zu schaffen machte. Er ist dann
eingestiegen und weggefahren. Mir wurde so kalt, dass ich
klapperte. Ich war immerhin barfuß. Bin dann zurückgelaufen. Komm, der Tee ist fertig.«
Es wurde ein lustiges Frühstück. Alle saßen im Gras. Tee
und Butterbrote schmeckten. Die Sonne wärmte.
Inge Esting kam als Letzte dazu. Mit spitzen Fingern hielt
sie ihre Zahnbürste von sich.
»Hat jemand eine zweite mit?«, fragte sie. »Meine kann ich
nicht mehr benutzen. Ist mir in den Dreck gefallen – genau
an der Stelle, wo Man Eater sich ›gelöst‹ hat.«
Die andern lachten. Isabell Renke sagte, sie hätte – wohlweislich – Ersatz-Zahnbürsten eingepackt.
»Dann kann ich mich von dir trennen«, sagte Inge zu ihrem
Gebissschrubber, »auch wenn du ganz neu bist.« Lachend
fügte sie hinzu: »Und damit ich mich wie ein richtiges Rübenschwein fühle, werde ich jetzt die Umwelt verschmutzen.«
Sprach’s, holte aus und warf den Beißwerkzeug-Reiniger
mit beachtlichem Schwung in die Büsche.
»Mit dem andern Abfall machen wir das aber nicht«,
meinte Lotte Weimar. »Sonst müssen wir anschließend den
Wald putzen.«
Gaby beobachtete Oskar. Wie von der Sehne geschnellt,
war er losgesaust. Er verschwand zwischen den Büschen. Sie
hörte sein Schnüffeln und wie er rumorte. Dann kam er zurück: stolz, schwanzwedelnd, mit tapsigen Sprüngen.
Er lief zu Inge und setzte sich vor sie.
Im Maul – deutlich sichtbar für alle – hielt er die Zahnbürste.
»Da hast du’s«, lachte Gaby. »Ein schlauer Hund apportiert und bringt zurück, was du wegwirfst. Oskar wird dir
schon vormachen, wie man sich im Wald verhält. Beachte
bitte den vorwurfsvollen Blick.«
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»Ist ja schrecklich!«, rief Inge in komischer Verzweiflung.
»Wie soll ich das Ding denn jetzt loswerden?«
Aber dann lobte sie Oskar und ließ sich die Zahnbürste geben. Man Eater durfte sie beschnuppern, zeigte aber wenig
Interesse. Zum Apportieren (herbeibringen) hatte er nur selten Lust.
Für heute stand eine ganztägige Wanderung auf dem Programm der Mädchengruppe. Man wollte kreuz und quer
durch den Wald. Isabell Renke, die sich in Botanik gut auskannte, würde Pflanzen und Bäume erklären.
Nach dem Frühstück zogen alle ihre Wanderschuhe an.
Die Zelte wurden geschlossen. Drei Rucksäcke enthielten
den Tagesproviant. Beim Tragen wollten die Mädchen sich
stündlich abwechseln.
Wenig später verschwanden sie im Gänsemarsch auf einem schmalen Pfad, der in Richtung Naturschutzpark führte.
Alle waren in bester Stimmung.

*
»Dort ist sie!«
Klößchen, der neben Tarzan fuhr, streckte die Hand aus. Er
meinte die »Grotte«.
Warum das Lokal so hieß, war von außen nicht ersichtlich.
Es handelte sich um eine Tagesbar, wo man auch kleine Gerichte erhielt – und hausgemachten Kuchen, wie eine Ankündigung im Aushangkasten verriet.
Die Jungs waren abgestiegen und studierten die Preisliste.
»Nichts für Taschengeldempfänger«, murmelte Karl.
»Ich hätte gegen ein zweites Frühstück nichts einzuwenden.« Klößchen überprüfte bereits den Inhalt seines Portmonees. »Einen Hawaii-Toast könnte ich mir gestatten. Und anschließend Schokoladentorte. Hm?«
Tarzan blickte die Straße entlang. Sie badete im Sonnen54

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licht. Wagen parkten zu beiden Seiten, denn dieser Teil war
Einbahnstraße. Nur wenige Leute waren unterwegs. Die meisten Vergnügungslokale hatten geschlossen, aber die »Grotte«
war geöffnet. Er trat einen Schritt zur Seite und beugte sich
zur Fensterscheibe vor.
Viel konnte er nicht erkennen. Vielleicht führte das Lokal
seinen Namen auf das düstere Licht zurück. Die Beleuchtung
reichte nicht aus. Die beiden straßenseitigen Fenster waren
schmal, die Scheiben zudem dunkel getönt. Das Lokal zog
sich als langer Schlauch in die Tiefe des Hauses.Vor einer Bar
luden Hocker zum Sitzen sein. Entlang der anderen Wand
reihte sich Nische an Nische. Holzwände, an denen Weinlaub
aus Plastik hing, teilten sie ab.An der Theke war niemand. Ob
jemand in den Nischen saß, konnte man von hier aus nicht
sehen. Hinter der Theke stand ein stämmiger Mann. Er polierte den Bierdruckapparat hingebungsvoll.
»Ich sehe Tomasino nicht«, sagte Tarzan. »Aber er ist da.
Wenn nicht hier, dann in einem andern Lokal.«
»Wieso bist du so sicher?«, fragte Karl.
»Sein Wagen steht dort. Der helle Mercedes. Am Kennzeichen erkenne ich ihn. Kommt, Jungs, wir gehen rein.«
Erst sicherten sie ihre Drahtesel mit dem Kabelschloss,
denn Fahrraddiebe gibt’s bekanntlich zu jeder Tageszeit.
Die »Grotte« roch nach Tabakrauch und Bier. Der Mann
hinter der Theke wandte den Kopf.
Er hatte ein bulliges Gesicht mit kleinen Augen. Sicherlich
konnte er mit einem Blick abschätzen, wie viel Geld ein Gast
in der Brieftasche hatte – und wie viel er hier lassen würde.
Das war sein einziges Interesse. Die Einschätzung der Jungs
fiel miserabel aus. Die würden – wenn’s hoch kam – eine
»Drei-Cola-Zeche« machen.
Nur ein knappes Nicken erwiderte ihren Gruß. Aber das
konnte Tarzan nicht abschrecken. Ganz selbstverständlich
schwang er sich auf einen Barhocker. Karl fühlte sich ermu55

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tigt und tat es ihm nach. Klößchen hatte etwas Mühe, auf den
hohen Hocker zu klettern.Als er endlich saß, wäre er beinahe
umgekippt, hielt sich aber am Thekenrand fest und wurde zusätzlich von Tarzan gestützt.
»Ja?«, fragte der Wirt.
»Für mich eine Cola«, sagte Tarzan, »bitte«.
Karl nahm das Gleiche. Klößchen wollte was essen, aber
ihm wurde beschieden, die Küche sei noch geschlossen, weshalb er dann auch eine Cola nahm.
Der Wirt servierte lustlos und griff wieder zum Lappen, um
weiterzupolieren.
Die Toiletten sind hinten, dachte Tarzan. Auf dem Wege
dorthin kann ich in sämtliche Nischen sehen. Bin gespannt,
ob er da ist.
Schon wollte er mit einem »Komme gleich wieder« vom
Sitz steigen, als die Stimme sich vernehmen ließ: heiser, etwas
lallend, unverwechselbar. Sie kam aus einer der hinteren Nischen.
»Heh, Bossert! Noch ’nen Doppelten!«
»Kommt sofort!«, antwortete der Wirt.
Karl machte eine überraschte Bewegung. Klößchen stieß
fast sein Glas um.
»Das iiist er«, flüsterte er – laut genug, dass Bossert nichts
überhören konnte.
Er schenkte gerade Schnaps ein, hielt inne und sah her.
Gleichmütig erwiderte Tarzan den Blick.
Bosserts Aufmerksamkeit erlosch. Er füllte das Glas, trat
am anderen Ende hinter der Theke hervor und brachte Tomasino den Schnaps.
»Er sitzt in der drittletzten Nische.« Tarzan sprach so leise,
dass nur seine Freunde ihn verstehen konnten. »Einer von
uns muss Kommissar Glockner anrufen. Karl, bitte! Mach du
das! Wir passen hier auf, dass Tomasino nicht abhaut. Aber
mach ihn nicht unnötig scheu. Vielleicht erkennt er dich,
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wenn du an der Nische vorbei zum Telefon gehst. Besser, du
nimmst die Fernsprechzelle am Ende der Straße.«
»Gut!« Karl trank aus, schlenkerte seine langen Glieder
vom Hocker und verließ die »Grotte«.
Bossert, der jetzt wieder polierte, deutete auf Karls leeren
Platz.
»Bezahlt ihr für den?«
»Er kommt wieder«, antwortete Tarzan.
In Tomasinos Nische wurde ein Stuhl gerückt.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Tarzan, wie der Dompteur sich hervorschob. Er trug eine ausgebeulte Cordjacke
und sah so ungepflegt aus wie gestern. Unsicheren Schritts
kam er heran, wobei er eine dicke Brieftasche aufklappte. Im
trüben Licht schien er die Jungs nicht zu bemerken, oder sein
Alkoholpegel vernebelte den Blick.
»Zahlen, Bossert!«
»Das macht, Carlo, ja… genau 44!«
Tomasino brummelte was. Vielleicht schien ihm die Rechnung zu hoch. Ein 50-Euro-Schein flatterte über die Theke.
»Stimmt so!«
Bossert nickte, als wären sechs Euro Trinkgeld hier selbstverständlich, und gab dem Betrunkenen die Hand.
Als Tomasino herankam, vertrat Tarzan ihm den Weg.
»Herr Tomasino!«, sagte er scharf. »Sie können jetzt nicht
weg. Die Polizei will mit Ihnen reden und wird jeden Moment
hier sein.«
Die schwarzen Augen des Dompteurs verengten sich. Erkennen flammte auf wie ein Funke. Ein tückischer Ausdruck
trat in das verwüstete Gesicht.
»Ach«, sagte er leise. »Der Bengel! Der Schläger! Der…
Dass ich mit dir abrechne, Freundchen, habe ich mir geschworen.«
Seine Hand griff in die Tasche.
»Willi, geh hinter mich!«, sagte Tarzan, und das ließ Klöß57

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chen, der sich zwischen ihm und Tomasino befand, sich nicht
zwei Mal sagen.
Ein Schnappmesser lag in Tomasinos Faust. Mit einem
metallischen Geräusch fuhr die Klinge aus dem Griff.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein.« Tarzan packte einen der
Hocker. »Lassen Sie das Messer fallen und nehmen Sie Vernunft an! Sonst machen Sie sich unglücklich!«
Im Gesicht des Dompteurs sammelte sich Blut. Es lief rot
an. Violett, fast schwarz hoben sich Tränensäcke und Augenhöhlen davon ab. Er sah grässlich aus, der Kerl.
»Wenn Sie mich angreifen, schlage ich Sie nieder«, drohte
Tarzan, wusste aber, dass hier Worte nichts bewirkten.
Tomasino machte einen Schritt auf ihn zu.
Beistand kam von unvermuteter Seite. Von Bossert. Der
griff unter die Theke, hob den Arm, schwang den Gummiknüppel nur so hoch wie nötig und klopfte Tomasino locker
ins Genick. Es war dosiert. Viel konnte dabei nicht kaputtgehen. Aber die Behandlung reichte.
Tomasino verdrehte die Augen. Das Messer fiel ihm aus
der Hand. Er wollte sich an der Theke festhalten, sackte aber
zu Boden und riss dabei einen Hocker um. Ausgestreckt
schien es ihm auf dem roten Teppichboden zu gefallen.
Jedenfalls – er blieb liegen und schloss die Augen.
»Danke!«, sagte Tarzan. »Das war elegant und fast
schmerzlos. Ich musste ihn gestern schon prügeln, als er ein
Mädchen anfiel. Bei dem stimmt’s nicht mehr.«
»In meinem Lokal gibt’s keine Schlägerei«, knurrte Bossert. »Was hast du da von der Polizei gesagt?«
»Tomasino wird gesucht. Alles andere werden Sie noch
hören.«
Schweigen breitete sich aus. Bossert legte den Gummiknüppel vor sich auf die Theke.
Karl kam zurück, stutzte, nahm dann hastig die Brille ab
und rieb die Gläser am Ärmel. Er habe, berichtete er, den
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Kommissar nicht zu Hause erreicht, sondern im Präsidium,
wo er – wieder mal – zusätzlich Dienst mache. Heute jedenfalls. Herr Glockner käme sofort.
»Von dem verschwundenen Tiger wusste er noch nichts«,
sagte Karl leise. »Ich habe ihm alles erzählt. Nur Büchl«, er
grinste, »blieb unerwähnt. Der wird sich wundern, wenn er
merkt, dass das jetzt nicht mehr sein Fall ist.«
Tarzan sagte, so sei es prima, und beobachtete Tomasino,
der schnarchende Laute von sich gab. Dann warteten sie.

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5. Größte Gefahr für die Mädchen
Kommissar Glockner war ein großer, stabiler Mann mit
schütterem Haar und wachsamen Augen. Mit der TKKGBande war er nicht nur durch seine Tochter Gaby herzlich
verbunden. Bei vielen Gelegenheiten hatte er geholfen. Für
ihn gingen die Jungs durchs Feuer.
Begleitet von einem uniformierten Polizisten, betrat er die
»Grotte«.
Carlo schlief noch. Kein weiterer Gast war gekommen.
Bossert polierte wieder am Bierdruckapparat und die Jungs
hatten inzwischen ihre Zeche bezahlt.
»Hast du ihn niedergeschlagen?«, wurde Tarzan von
Glockner gefragt, nachdem der Kommissar die Jungen begrüßt haue.
Sie berichteten ihm, was passiert war, und Glockner sprach
kurz mit dem Wirt, woher er den Dompteur kenne und ob der
irgendwas über seinen Tiger geäußert habe. Aber dabei kam
nichts ans Licht. Bossert bezeichnete Carlo als einen – im
Allgemeinen friedlichen – Gast, der in den letzten Wochen
häufig gekommen sei und kräftig getrunken habe.
Der Uniformierte untersuchte ihn. Carlo regte sich bereits,
schlug die Augen auf und starrte wütend um sich. Er konnte
sich aufsetzen, wurde unter den Achseln gefasst und in die
Höhe gestemmt. Jetzt stand er – unsicher zwar, aber immerhin wie jemand, der ärztliche Hilfe nicht braucht.
»Ich muss Sie festnehmen«, erklärte ihm Glockner. »Sie
haben Peter Carsten in gefährlicher Weise bedroht.« Er hielt
ihm das Schnappmesser vors Gesicht, etwas zu nah offenbar,
denn Tomasino begann zu schielen, um es deutlich zu sehen.
»Außerdem«, fuhr Glockner fort, »werden Sie polizeilich
gesucht. Ihr Tiger ist aus seinem Käfig verschwunden. Ein gefährliches Tier. Sagen Sie uns, wo Sie ihn hingebracht haben!«
Carlo Tomasino spuckte aus. Ob er einen üblen Ge60

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schmack auf der Zunge hatte oder ob er Geringschätzung
ausdrücken wollte, war nicht ersichtlich.
»Heh!«, sagte Bossert. »Mein Teppichboden, du Ferkel!«
»Wo haben Sie Ihren Tiger?«, wiederholte der Kommissar
seine Frage.
Ein Grinsen – breit wie ein Froschmaul – zeichnete sich auf
das zerfurchte Gesicht. Plötzlich schien er belustigt zu sein –
aber das war wohl mehr Schadenfreude.
»Wo… wo… Napur ist, ja?«
»Wo ist er?«, sagte Glockner.
»Möchtest du… wissen, ver… verdammter Bulle, was?
Jaaa, jetzt zeige ich’s euch. Jetzt lernt ihr… lernt ihr Carlo
Tomasino kennen. Auf mir rumtrampeln … mich einweisen… mich entmündigen… das wollt ihr doch! Dafür kriegt
ihr euer Fett. Ihr alle! Napur ist meine Waffe.«
»Was soll das heißen?«
Carlo beleckte die Zähne. Es wirkte, als hätte er das
seinem Tiger abgeguckt.
»Mein Napur… den habe ich letzte Nacht ausgesetzt. Über
die Forststraße habe ich ihn in den Großen Wald gefahren.
Und dann freigelassen. Um zwei Uhr morgens – bei den Singenden Felsen.«
Es wurde so still, dass das Tropfen des Bierhahns wie ein
Wasserfall zu rauschen schien.
Freigelassen? Bei den Singenden Felsen? Tarzans Bauchmuskeln verkrampften sich schmerzhaft. Ein kalter Schauer
rieselte ihm über die Haut. Unmöglich! Das wäre… eine
Wahnsinnstat! Eine Katastrophe! Ein unglaubliches Verbrechen! Bei den Singenden Felsen ist doch das Mädchenlager!
Und der Wald voller Menschen – ganz abgesehen vom Wild!
Das kann Tomasino nicht… Oder? Ist der noch normal? Dieses Wrack? Sein Verhalten gestern sagt alles. Nein, der lügt
nicht. Der blufft nicht. Der will nicht nur erschrecken. Es
stimmt!
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Er sah Gabys Vater an. Glockners Gesicht war kreideweiß.
Seine Stimme klang, als käme sie aus einem blechernen Automaten.
»Wiederholen Sie das!«
Tomasino lächelte tückisch. Er flüsterte: »Der Tiger ist frei.
Bei den Singenden Felsen im Großen Wald habe ich ihn ausgesetzt. Letzte Nacht!«
»Herr Kommissar!« Der Polizist fiel Glockner in den Arm.
Gabys Vater trat zurück, strich sich über die Stirn und
presste die Zähne zusammen.
»Sofort zum Präsidium, Müller! Wir müssen… O Gott!«
Er packte Tomasino und riss ihn mit sich zur Tür.
Tarzan sah noch, wie Bossert Mund und Augen aufsperrte – dann folgte er den drei Männern.
Wachtmeister Müller öffnete eine der Hintertüren und
zwang den sich wehrenden Dompteur auf den Rücksitz des
Polizeiwagens.
»Wenn Sie nicht vernünftig sind«, fuhr er den Kerl an,
»lege ich Ihnen Handschellen um.«
Tomasino fügte sich. Glockner saß bereits am Lenkrad.
Müller stieg hinten ein.
»Darf ich mit?«, fragte Tarzan. »Bitte!«
Glockner nickte.
»Nehmt mein Rad und kommt nach«, rief Tarzan seinen
Freunden zu. Denn für sie und die drei Tretmühlen war im
Polizeiwagen kein Platz. Dann glitt er auf den Beifahrersitz
und Glockner fuhr an.
Sofort schaltete er Sirene und Blaulicht ein. Das fegte die
Straßen vor ihnen frei. Die anderen Autos rückten zur Seite
und hielten.
Von der Seite beobachtete er Glockner. Der Kommissar sah aus, als hätte er die schlimmste Nachricht seines Lebens erhalten. Der Mund zuckte. In den Augen stand Entsetzen.
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Tarzan klappte die Sonnenblende herab und sah in den
kleinen Spiegel.
Himmel, ich seh ja genauso aus! Das ist, weil wir jetzt beide
wahnsinnige Angst haben – Angst um Gaby.
Und dann schwor er sich in diesem Augenblick: Wenn ihr
etwas zustößt – wenn der Tiger sie anfällt, bringe ich Tomasino um. Egal was mit mir wird.
»Wie groß ist das Tier?«, fragte Glockner.
Tarzan spürte, dass die Frage ihm galt.
»Leider sehr groß. Und in bester Verfassung. Er sieht gefährlich aus. Gestern wurde er reichlich gefüttert und müsste
eigentlich noch satt sein.«
Glockner nickte. Der betrunkene Tomasino hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Sein Kopf sank auf
die Brust. Der Kiefer hing herab.
Sie erreichten das Präsidium. Müller kümmerte sich um
den Dompteur. Glockner jagte in langen Sätzen die Stufen
hoch. Tarzan wich ihm nicht von der Seite. Er wusste, was
kommen würde – kommen musste, wenn hier alles Dienstliche erledigt war. Und da wollte er dabei sein – um jeden
Preis.
»Warte in meinem Büro!«, sagte Glockner. »Ich verständige den Chef«
Damit meinte er den Polizei-Präsidenten. Wegen eines
Fahrraddiebstahls oder ähnlicher Delikte (Straftat) durfte
man den nicht behelligen. Aber was jetzt anlag, war an Gewicht kaum zu überbieten: eine Gefahr für die Allgemeinheit – unberechenbar, unabsehbar, nicht abzuwenden mit
herkömmlichen Mitteln.
Kaum hatte Tarzan sich in Glockners Büro in eine Ecke
gesetzt, kamen die ersten Kollegen des Kommissars herein.
Er kannte die meisten und musste wiederholen, was er
wusste. Bestürzung breitete sich auf den Gesichtern aus.
»Gaby ist in dem Zeltlager«, sagte einer der Beamten.
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»Himmel, ich möchte jetzt nicht in Emils Haut… ich glaube,
ich würde durchdrehen, könnte keine vernünftige Entscheidung treffen und…« Er verstummte.
Glockner, der mit Vornamen Emil hieß, stürmte herein,
warf die Tür zu und trat hinter seinen Schreibtisch.
»Wie weit seid ihr informiert?«
»Ich habe Ihren Kollegen alles berichtet«, sagte Tarzan.
»Gut! Es erübrigt sich auszuführen, wie katastrophal die
Situation ist, dass wir ein Unglück kaum verhindern können.
Aber wir werden alles tun. Bei den Singenden Felsen ist das
Zeltlager mit zwölf Mädchen und zwei Aufsicht führenden
Frauen. Es gibt keine Telefonleitung dorthin. Im Wald befindet sich wahrscheinlich schon eine große Anzahl von Pfingstausflüglern. Von den verstreut stehenden Wochenendhäusern ist mit Sicherheit eins belegt. Zehn oder zwölf Lehrer
der Internatsschule sind dort während der Feiertage. Ebenfalls bewohnt sind sämtliche Häuser der bekannten Waldsiedlung Lerchenau. Acht Häuser, meines Wissens, mit ebenso vielen Familien. Kinderzahl ist unbekannt. Ferner: Am
Westrand des Waldes befindet sich eine Schafherde mit etwa
500 Tieren – unter der Obhut eines Schäfers.«
Er hielt inne, starrte für einen Moment auf die Schreibtischplatte und zwang sich zur Ruhe.
»Ich habe folgende Maßnahmen mit dem Chef abgesprochen«, fuhr er fort. »Alle Zufahrtstraßen zum Wald – alle
Wege in den Wald werden sofort abgesperrt. Mit allen verfügbaren Mitteln. Die Leitung übernimmst du, Paul«, wandte
er sich an einen energischen Typ. »Dein Standort ist die Einsatzzentrale.«
Paul nickte und war schon an der Tür.
»Der Chef«, sagte Glockner, »hat bereits einen Mannschaftshubschrauber vom Bundesgrenzschutz losgeschickt.
Das einzige Gefährt entsprechender Größe, das auf die
Schnelle verfügbar war. Der Hubschrauber landet bei den
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Singenden Felsen und nimmt die Mädchen und die beiden
Betreuerinnen auf. Diese Gruppe ist am stärksten gefährdet.
Dass wir sie so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone
rausbringen, ist jetzt das Wichtigste.«
Gott sei Dank! Tarzan seufzte vernehmlich. Das war ja
die Lösung. So ein Hubschrauber machte das im Handumdrehen. Ein Lob der Technik und den Errungenschaften des
20. Jahrhunderts!
»Sechs Streifenwagen«, erklärte Glockner, »mit bewaffneten Scharfschützen befahren sofort sämtliche Waldwege nach
einem bestimmten Plan. Unablässige Lautsprecher-Durchsagen werden Wanderer und Camper warnen. Willibald, du
übernimmst die Strategie (Feldherrnkunst). Du, Robert, verständigst die Leute in Lerchenau telefonisch. Die Anschlüsse
werden soeben festgestellt. Die Leute sollen in ihren Häusern bleiben, Fenster, Türen und möglichst auch Jalousien
schließen. Zu ihrem Schutz schicken wir zwei Streifenwagen
mit Bewaffneten hin. Ich glaube, das wär’s im Moment.«
Ein Gemurmel erhob sich. Wer nicht für den Katastrophenplan TIGER eingeteilt war, blieb noch. Jeder versuchte,
tröstende Worte für Glockner zu finden. Aber sein Gesicht
war wie versteinert.
Himmel!, dachte Tarzan. Hoffentlich meldet sich der Hubschrauberpilot gleich über Funk, sobald die Mädchen an
Bord sind. Erst dann können wir aufatmen.
Mit dem Hubschrauber-Einsatz hatte er, Tarzan, nicht
gerechnet, sondern damit, dass Glockner und Kollegen
mit Fahrzeugen zu dem Zeltlager rasen würden. Dabei sein
zu dürfen, wenn Gaby gerettet wurde – darauf hatte er gehofft.
Es klopfte. Ein bebrillter Mann trat ein. Glockner redete
ihn mit »Doktor« an und wies auf einen Stuhl.
Wie Tarzan später erfuhr, handelte es sich um den Polizei-Psychologen (Seelenforscher). Zu seinen Aufgaben ge65

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hörte es, sich um Straftäter zu kümmern, deren geistige und
seelische Gesundheit fraglich war.
»Tomasino«, sagte er, »sperrt sich nicht mehr, sondern
spricht ganz offen. Sein Motiv ist Hass. Er hasst alles und
jeden, besonders die Mitmenschen. Seine Persönlichkeit ist
weitgehend zerstört. Immerhin hat er ausführlich über Napur
geredet. Ich bin kein Zoologe (Tierforscher), habe aber doch
Folgendes begriffen: Napur ist fünf Jahre alt und wurde in
Gefangenschaft geboren. Das heißt, er kennt die Freiheit
nicht, die er jetzt hat, und wird eine Weile brauchen, um sich
zurechtzufinden. Das heißt, wir können damit rechnen, dass
er anfangs scheu ist, sogar verstört. Aber nach und nach werden seine natürlichen Instinkte durchbrechen. Spätestens
wenn der Hunger sich meldet, erwacht auch der Jäger in ihm.
Damit ist – im günstigsten Fall – nach zwei Mal 24 Stunden
ab letzter Fütterung zu rechnen. Dann wird er Wild töten,
vielleicht auch – wenn sie ihm unabsichtlich zu nahe kommen
und er sich bedroht fühlt – Menschen.«
»Aber es gibt keine Garantie dafür, dass seine Zurückhaltung so lange anhält?«, fragte Glockner.
»Das nicht. Es kann sein, dass er jederzeit tötet, wenn er erschreckt oder gereizt wird. Nur die Jagd nach der Beute findet – wahrscheinlich – noch nicht statt.«
»Kein Trost«, sagte einer der Männer.
Der Psychologe hob die Achseln, als müsse er sich entschuldigen.
Tarzan sah auf seine Armbanduhr.
Der Hubschrauber musste längst gelandet sein.
Wieder öffnete sich die Tür.
Kommissar Blüchl schob seine lachsfarbene Glatze herein.
»Wie ich höre, Glockner, bearbeiten Sie jetzt den Fall.«
Gabys Vater nickte. »Ich bin unmittelbar betroffen«, sagte
er. »Meine Tochter ist im Wald.«
»Oh! Na, so schnell beißt auch ein Tiger nicht.« Er be66

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merkte Tarzan und sein Blick wurde giftig. Sicherlich konnte
er sich denken, wie die Zusammenhänge waren. Und dass die
Jungs in voller Absicht nicht ihn, sondern Kommissar Glockner verständigt hatten.
Aber Büchl verbarg seinen Unmut. Er sagte: »Es hängt
zwar nicht mit dem Fall Tiger zusammen. Aber Sie sollten
es trotzdem wissen, Glockner. Heute Morgen kam es auf
der Straße nach Hängenbach zu einem Verkehrsunfall. Ein
Gefangenentransporter wurde von einem Laster gerammt
und kippte um. Dabei konnten zwei schwere Jungs – Georg
Hardtke und Otto Fensel – entkommen. Sie haben sich die
Pistolen der Justizbeamten angeeignet. Möglicherweise verstecken sie sich im Großen Wald. Jedenfalls müssen Sie bei
der Suche nach dem Tiger mit einer Begegnung rechnen.«
»Danke, Büchl! Ich werde daran denken.«
Büchl verschwand.
Glockner machte sich eine Notiz.
Es kommt aber wirklich alles zusammen, dachte Tarzan.
Von einem ruhigen Pfingstfest kann keine Rede sein. Es sei
denn, Napur spaziert freiwillig in seinen Käfig zurück.
Glockners Telefon klingelte. Während er dem Anrufer
lauschte, wich der letzte Blutstropfen aus seinem Gesicht.
»Ja«, sagte er heiser. »Habe alles mitbekommen.«
Er legte auf. Sein Blick war leer. Mit einer Stimme, die
nicht ihm zu gehören schien, sagte er: »Der Pilot des Hubschraubers hat sich über Funk gemeldet. Er konnte landen,
hat aber niemanden angetroffen. Das Lager der Mädchen ist
verlassen. Nichts deutet auf überstürzte Flucht hin. Alles ist
aufgeräumt. Die Zelte sind verschlossen. Im Umkreis des
Lagers befindet sich niemand. Das heißt, die Gruppe ist –
vielleicht schon vor Stunden – zu einer Wanderung aufgebrochen. Was ja auch zum Programm gehört. Das Netz der
Wanderwege ist – wie wir wissen – riesig, kaum zu überblicken. Wir wissen nicht, wo die Mädchen jetzt sind.«
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Lähmendes Entsetzen griff um sich.
Tarzan fasste sich. »Aber der Hubschrauber könnte sie
suchen. Aus der Luft hat er Überblick.«
Glockner nickte. »Der Pilot überfliegt das Waldgebiet und
versucht, sie ausfindig zu machen. Aber bei mehr als sechstausend Quadratkilometern ist das wie die sprichwörtliche
Suche nach der Nadel im Heuhaufen.Außerdem ist der Wald
rund um den Naturschutzpark sehr dicht. Über Pfaden und
Wanderwegen schließen sich die Zweige.Wir können nur auf
einen Zufall hoffen. Außerdem bestünde auch dann noch die
Schwierigkeit, dass der Pilot die Gruppe nicht warnen kann.
Denn dass er gleich eine Waldwiese zum Landen findet, ist
unwahrscheinlich. Auch von den patrouillierenden Streifenwagen verspreche ich mir wenig. Auf schmalen Wanderwegen ist für die kein Durchkommen.«
Er stand auf. Sein Gesicht spiegelte übermenschliche Beherrschung. Er öffnete die Schreibtischlade, nahm seine
Dienstpistole heraus und legte das Halfter um.
»Du willst in den Wald«, sagte einer der Kollegen. Es war
mehr Feststellung als Frage.
Glockner nickte.
Niemand sagte was dazu.
Glockner sagte: »Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist und ob
ich irgendwas ausrichten kann. Aber hier hocke ich nur rum.
Was hier zu regeln ist, ist geregelt. Meine Tochter ist bei den
Mädchen. Ich werde versuchen, die Gruppe zu finden.«
»Weiß deine Frau schon Bescheid?«
Glockner schüttelte den Kopf »Sie kann noch weniger tun
als ich. Aber die Angst um Gaby… Nein! Je später Margot
davon erfährt, umso besser!«
Er wandte sich zur Tür. »Sagt bitte dem Chef, wo ich bin
und dass mit mir nicht mehr zu rechnen ist.«
»Viel Glück!«, wünschten seine Kollegen. Aber die Stimmen klangen nach berechtigtem Zweifel.
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Tarzan wartete, bis die Tür sich hinter Glockner schloss.
Dann stahl er sich hinaus.
Auf dem Platz vor dem Polizei-Präsidium ging es lebhaft
zu. Der Straßenverkehr flutete.
Als Glockner die Tür seines Dienstwagens öffnete, stand
Tarzan neben ihm.
Der Kommissar furchte die Stirn. »Wenn du denkst…«,
begann er. Aber zum ersten Mal, seit sie sich kannten, wurde
er von dem Jungen unterbrochen.
»Sie lehnen es sicherlich ab,