Main Elf Kicker und ein falsches Spiel: Ein Fussballkrimi

Elf Kicker und ein falsches Spiel: Ein Fussballkrimi

Year: 2010
Publisher: cbj Verlag
Language: german
ISBN 10: 3570138909
ISBN 13: 9783641043193
File: EPUB, 1.83 MB
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Inhaltsverzeichnis





Cover





Mittwoch, Tag der Auslosung

Donnerstag, zwei Tage vor Turnierbeginn

Freitag, einen Tag vor Turnierbeginn

Samstag, Turnierbeginn

Sonntag, zweiter Spieltag

Montag, dritter Spieltag

Immer noch dritter Spieltag

Dienstag, vierter Spieltag

Mittwoch, fünfter Spieltag

Donnerstag, sechster Spieltag

Freitag, spielfrei

Samstag, Viertelfinale

Sonntag, Viertelfinale

Viertelfinale, zweite Halbzeit

Montag, spielfrei

Dienstag, spielfrei

Mittwoch, Halbfinale

Mittwochabend

Freitag

Freitagabend

Immer noch Freitagabend

Samstag, Finale

Donnerstag, 10. Juni 2010





Copyright





Mittwoch, Tag der Auslosung

Als der Bürgermeister persönlich in die Lostrommel griff, einen Zettel auseinanderfaltete und mit lauter Stimme »Italien« verkündete, waren wir nicht unzufrieden. Okay, Benno hätte England vorgezogen und Flo Brasilien, »weil die so geile Trikots haben«, aber Italien war definitiv besser als irgendeines dieser komischen Länder, die wahrscheinlich nur mitspielen dürfen, damit genügend Mannschaften zusammenkommen.

»Italien ist doch schön, Putzi«, meinte später auch meine Mutter beim Abendessen. Mein richtiger Name ist natürlich Felix und nicht Putzi, aber meine Mutter hat offenbar immer noch nicht mitbekommen, dass ich inzwischen Fußballschuhe statt Schnuller trage. Sie denkt sich einfach nichts dabei. Am Spielfeldrand lässt sie sich Gott sei Dank nur selten blicken. Dennoch habe ich Angst, dass irgendwann die Begeisterung mit ihr durchgeht und sie »Putzi vor, noch ein Tor!« brüllt. Was für ein Albtraum: Mini-WM-Halbfinale. Italien gegen Argentinien. Der italienische Mittelfeldregisseur, der beste Zehner seit Diego Maradona, setzt zum Dribbling an, tunnelt seinen Bewacher, vernascht einen Gegner nach dem anderen, lässt am Ende den Torwart aussteigen und schiebt den Ball lässig über die Torlinie und seine Mutter ruft: »Gut gemacht, Putzi!«

Habe ich was von Abendessen gesagt? Dann nehme ich das hiermit zurück. Denn heute hat mein Vater gekocht und will uns mit einem Klassiker aus seiner Studentenzeit verwöhnen. »Um Mama zu entlasten«, wie er lächelnd verkündet. Zum Glück entlastet er sie nur selten; außerdem frage ich mich, warum das ausgerechnet heute der Fall sein muss, ich habe nämlich tierischen Kohldampf.

»Voilá!«, ruft mein Vater - wie ein Zauberer, der den Zylinder hochhebt, unter dem sich mindestens drei Kaninchen befinden - und klappt schwungvoll die Tür des Backofens auf. Im nächsten Moment wird unsere Küche in beißenden Rauch gehüllt, und wir flüchten auf den Flur.

»Ich ruf dann mal die Feuerwehr«, sagt meine Mutter betont lässig und schlendert verdächtig ruhig zum Telefon.

»Vielleicht kannst du damit Opa Warnke vergiften«, schlägt Jule, mein 14-jähriges Schwesterherz, vor.

»Endlich mal … ein konstruktiver Vorschlag«, röchelt mein Vater mit tränenden Augen, nachdem er seinen Hustenreiz unter Kontrolle gebracht hat. Mit Opa Warnke, unserem Nachbarn, liegt er nämlich im Dauerstreit wegen seiner ungezogenen Kinder, also wegen uns, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls sitzen wir eine Viertelstunde später ganz entspannt in der Pizzeria gegenüber, um meine Mutter dort weiter zu entlasten und über das Ereignis zu diskutieren, das ganz Vellbach in nächster Zeit in Atem halten wird: die Fußball-Weltmeisterschaft im Miniformat.

»Wann geht’s denn eigentlich los?«, fragt mein Vater.

»In drei Tagen«, antworte ich, während ich meine Thunfischpizza in vier große Stücke zerteile. »Zuerst müssen wir gegen Japan ran, das ist Post SV Hohenweiler, guter Aufwärmgegner, die hau’n wir weg wie nichts.« Ich mache eine lässige Handbewegung. »Dann geht’s am Montag gegen Portugal, also Moordorf 05, die haben wir schon vor drei Wochen total nass gemacht, und dann, äh …« Ich brauche einen Moment, um mir den Spielplan in Erinnerung zu rufen. »Ach, ja, unser letzter Vorrundengegner ist die Schweiz, der TSV Ohrenhofen. Gegen die haben wir zwar noch nie gespielt, aber Flo meinte, bei denen steht so ein kleines Mädchen im Tor, die eine Leiter braucht, um an die Latte zu kommen. Der knalle ich ruck, zuck ein, zwei Dinger unters Dach, und dann hat sich die Sache.«

»Aber nur, falls sich der Herr Großmaul nicht vor Aufregung in die Hose macht und zur Abwechslung mal den Ball trifft«, frotzelt Jule.

Auf die Sticheleien meiner Schwester gehe ich aus Prinzip nicht ein. Natürlich weiß ich selbst, dass die Mini-WM kein Spaziergang wird, aber wenn ich mir die anderen fünfzehn Mannschaften so angucke, brauchen wir uns wirklich vor niemand zu verstecken. Erst recht nicht, seit wir mit Andi den nettesten und vor allem besten Trainer weit und breit haben. Eigentlich heißt er Andreas Winterhoff, hat uns aber gleich beim ersten Training erklärt, wir sollten Andi zu ihm sagen. Noch nie hatten wir so viel Spaß beim Training wie mit ihm. Und noch nie haben wir innerhalb kürzester Zeit so riesige Fortschritte gemacht. Er hat unsere Mannschaft total umgekrempelt, für jeden Spieler die optimale Position gefunden und uns beigebracht, was richtiges Mannschaftsspiel bedeutet.

Seitdem wir unsere Positionen einhalten und uns ständig freilaufen, zaubern wir Kombinationen auf den Rasen, als wären wir nicht Kickers Vellbach, sondern der FC Barcelona. Und sogar Paco und Pablo, unsere rasenden mexikanischen Zwillinge, haben neuerdings ein Auge für ihre Mitspieler und geben die Pille freiwillig her, falls jemand besser postiert ist. Ich glaube, das ist Andis größte Leistung.

Benno und Alex halten die Abwehr zusammen, und wenn Alex zu seinen gefürchteten Vorstößen ansetzt, hält Benno den Laden eben alleine dicht. Wer Benno nicht kennt, der wundert sich, dass jemand, der so viele Kilo auf die Waage bringt, so schnell auf den Beinen ist. Und wer Benno kennt, der wundert sich, dass jemand, der so viele Nutellabrote vernichtet, nicht noch mehr Kilo auf die Waage bringt.

Dass sich die Anzahl unserer Gegentore extrem verringert hat, liegt aber in erster Linie an Jaromir, unserem neuen Keeper, der erst vor ein paar Wochen mit seiner tschechischen Familie hierher gezogen ist. Jaromir geht mit Benno, Flo und mir in dieselbe Klasse, und keiner von uns hätte am Anfang gedacht, dass sich hinter diesem schweigsamen, blassen Typen mit den viel zu großen T-Shirts ein richtiges Naturtalent verbirgt. Solange er nicht ins Spiel eingreift, lauert er meist regungslos und hoch konzentriert auf der Torlinie. Doch wenn’s drauf ankommt, boxt Jaromir auch die härtesten und platziertesten Schüsse zurück ins Feld, schaufelt sie über die Latte oder dreht sie lässig um den Pfosten.

Flo und ich ziehen die Fäden im Mittelfeld und verstehen uns blind, was meistens darauf hinausläuft, dass ich die Laufarbeit übernehme und Flo den genialen Stehgeiger mimt, der mit ausgestrecktem Arm seine Kommandos gibt, ohne auch nur einen Tropfen Schweiß zu vergießen. Aber mir soll’s recht sein, solange das Team »funktioniert«. Und derzeit funktioniert unser Team, zu dem auch noch Michi, Basti, Philipp und Danny gehören, einfach phänomenal.

Die Mini-WM, die nichts anderes ist als eine Kopie der großen WM, allerdings mit 16 statt 32 Mannschaften, kommt also genau zum richtigen Zeitpunkt. Organisiert hat das Ganze die Kreissparkasse Vellbach, und als die vor ungefähr zwei Wochen den Preis für den Sieger bekannt gab, war hier echt die Hölle los. Plötzlich hagelte es Nachbewerbungen. Jede Menge Teams, von denen ich noch nie gehört hatte, wollten unbedingt noch mitmachen. Über hundert seien es gewesen, hat Flos Vater, Herr König, erzählt, und der muss es ja wissen. Schließlich ist er unser Vereinsvorsitzender und Mitglied der Turnierleitung.

Die Siegermannschaft des Turniers fliegt nämlich zum Eröffnungsspiel der richtigen WM nach Südafrika. Und der betreffende Verein bekommt noch 20.000 Euro dazugeschenkt, um sein Klubhaus zu renovieren oder das Trainingsgelände auf Vordermann zu bringen oder beides zusammen.

Ich finde das ja unheimlich nett von der Sparkasse, frage mich aber, woher die eigentlich so viel Geld hat. Mein Vater meint, von nett könne keine Rede sein. Die wollen nur neue Kunden gewinnen und das ganze Turnier zu ihrer Werbeveranstaltung machen, und wahrscheinlich würde sogar auf dem Flugzeug, das am 10. Juni in Richtung Südafrika abhebt, »Kreissparkasse Vellbach« stehen.

Hoffentlich hat er recht, das wäre echt cool.

Und noch cooler wäre es, wenn ich dann mit all meinen Freunden in diesem Flugzeug säße …





»Träum nicht, Putzi, deine Pizza wird kalt … PUTZI!«

»Äh, was?«

»Wo bist du nur mit deinen Gedanken?«

Was für eine Frage. In Südafrika natürlich.





Donnerstag, zwei Tage vor Turnierbeginn

Der Traum von Südafrika hat sich in meinem Kopf breitgemacht und will keinen anderen Gedanken mehr in ihn reinlassen. Anscheinend hält er noch weitere Köpfe besetzt, denn Flo, unser Mathecrack, hat heute an der Tafel den totalen Stuss zusammengerechnet. Benno hing in der großen Pause sein halbes Nutellabrot aus dem Mund, weil er zu kauen vergessen hatte, und Jaromir musste ich drei Mal sagen, dass ich ihn nachher zum Training abhole, ehe er endlich »Geht klar« murmelte.

Zu Hause angekommen, trete ich mir im Gehen die Schuhe von den Füßen und hänge meine Jacke so nachlässig an den Haken, dass sie sofort auf dem Boden landet, aber ich hebe sie nicht auf. Stattdessen werfe ich meine Schultasche durch die geöffnete Tür auf mein Bett, stapfe ins Wohnzimmer und ziehe mir den Lexikon- band mit dem Buchstaben S aus dem Regal.

Ich fange an zu blättern: Storchschnabelgewächse … Stoßstange … Stradivari. Blättere weiter: Styrax … sub- febril, subfossil … was für Wörter es gibt … Suchscheinwerfer, Sucht … Südafrika, na endlich!

Ich lege mich auf den Bauch und vertiefe mich in den Artikel: Engl. Republic of South Africa. Afrikaans Republik van Suidafrika. Hauptstadt Pretoria. Staatsform: Präsidialrepublik mit föderativen Elementen. Na toll! Einwohnerzahl: 48 Millionen. Währung: Rand. Hä? Überwiegend Trockenvegetation, im Innern Dornsavanne. Blablabla. Die südliche Randabdachung, erfahre ich, ist durch die Kappketten und die Becken der Karru gegliedert. Ich werde langsam ungeduldig. Einer der führenden Anti-Apartheid-Kämpfer und von 1994 bis 1999 der erste schwarze Präsident des Landes war Nelson Mandela. Kommen die i rgendwann auch mal zum Wesentlichen? Wo sind die Spielorte? Werden die neuen Stadien rechtzeitig fertig? Aber nichts dergleichen, kein einziges Wort darüber. Enttäuscht klappe ich das bescheuerte Lexikon wieder zu und packe meine Trainingstasche.

Wir haben mit Andi verabredet, dass heute und morgen noch mal ein Sondertraining stattfindet, damit am Samstag gegen die Japaner von der Post nichts, aber auch gar nichts anbrennt.

Zehn Minuten später rolle ich durch die Hochhaussiedlung am Rennisberg, wo Jaromir auf mich wartet. Schon von Weitem sehe ich ihn in seinem Schlabbershirt am Wendekreis stehen. An seiner Hand baumelt die obligatorische Plastiktüte. Zu den vielen Dingen, die Jaromir nicht besitzt, gehören ein Fahrrad und eine Sporttasche. Eigentlich könnte er ja meine ausrangierte blaue Adidastasche haben, aber irgendwas hält mich davon ab, sie ihm anzubieten. Außerdem kann ich mir Jaromir ohne seine Tüte gar nicht vorstellen, und vielleicht ist sie ja auch eine Art Glücksbringer oder so.

Da wir inzwischen ein eingespieltes Team sind, machen wir High five, ohne dass ich deswegen absteigen müsste, worauf sich Jaromir auf meinen Gepäckträger schwingt und sich die Plastiktüte über die Schulter wirft. Meine Trainingstasche habe ich mir zwischen Bauch und Lenker geklemmt. Das Fahrrad wippt einmal auf und ab und gerät leicht ins Schlingern, bevor wir Fahrt aufnehmen und mit wehenden Haaren unserem WM-Vorbereitungstraining entgegensausen.

Als wir eine Viertelstunde vor Trainingsbeginn durch das klapprige Eingangstor des Sportparks spazieren, schallt uns schon ausgelassenes Lachen und Rufen entgegen. Paco und Pablo, wer sonst. Die beiden rennen bereits wie aufgezogen über den Platz, spielen sich den Ball hin und her und feuern ihn mit voller Wucht ins leere Tor.

»Kommt her, ich zeig euch meinen neuen Trick!«, ruft Paco, während er mit dem Ball an uns vorbeiflitzt. »Ich kann Übersteiger wie Cristiano Ronaldo.« Seine Beine wirbeln ein paar Mal in aberwitzigem Tempo um den Ball herum, bevor er über seine eigenen Füße stolpert, der Länge nach auf dem Rasen landet und in prustendes Lachen ausbricht.

Pablo schnappt sich die Pille und drischt sie hoch in den Himmel. Woher die beiden ihre unerschöpfliche Energie nehmen, ist uns allen ein Rätsel. Wahrscheinlich schlafen sie nachts mit der Hand in der Steckdose.

Nach und nach trudeln auch die anderen ein. Alle bis auf Andi. Zunächst machen wir uns noch ein bisschen warm, passen uns den Ball zu oder schlagen ein paar Flanken, doch schließlich lassen wir uns ins Gras sinken, stützen die Ellbogen auf und schauen uns fragend an. Jaromir lehnt gelangweilt am Pfosten, Flo sitzt auf dem Spielgerät und knabbert an einem Grashalm. Benno hat den Kopf zwischen die Beine gesteckt und brütet dumpf vor sich hin.

Eine lähmende Stille hat sich breitgemacht.

Michi und ich trotten zum hohen Maschendrahtzaun, um die Zufahrt zum Parkplatz im Auge zu behalten. Von Andis Motorrad keine Spur. Dafür rumpelt im nächsten Moment ein alter, grüner Mercedes um die Ecke, stößt eine stinkende Abgaswolke aus und hält direkt vor dem Klubhaus.

Als sich quietschend die Türen öffnen, erscheint auf der Fahrerseite der Bürstenkopf von Günter Speckmann, während sich rechterhand der dicke Wilfried aus der Öffnung quetscht. Was wollen die denn hier?

Speckmann ist Kassenwart unseres Vereins und Wilfried sein Neffe. Gemeinsam treten sie hin und wieder als Trainerteam in Erscheinung, und das mit durchschlagendem Misserfolg. Die einst so erfolgreiche Zweite Herren führten sie innerhalb von drei Jahren zielstrebig von der Verbandsliga über die Bezirksliga bis hinunter in die Kreisklasse, von der aus man nicht weiter absteigen kann. Und die Mädchen-B-Jugend richteten sie innerhalb eines Vierteljahres zugrunde. Erst ein Machtwort von Herrn König, der kurzerhand einen neuen Trainer i nstallierte, konnte verhindern, dass die Mädchen geschlossen aus dem Verein austraten.

Bin ich froh, dass wir mit denen nichts zu tun haben.

Dennoch beschleicht mich ein komisches Gefühl, als Speckmann zum Kofferraum geht und ein Netz mit Bällen herausfischt, während sich Wilfried mit zwei Medizinbällen bewaffnet. Die beiden nehmen Kurs auf das Trainingsgelände. Soll das ein Witz sein?

Michi lacht kurz auf, aber es hört sich eher an, als hätte er Schluckauf.

Als Speckmann und der dicke Wilfried eine Minute später durch das Eisentor marschieren und Speckmann uns ein schneidiges »Hallo Männer!« entgegenruft, ist niemandem zum Lachen zumute. Ich habe einen Kloß im Hals, und Benno sieht aus, als hätte er gerade ein ganzes Nutellaglas verschluckt. Nur Flo, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, hebt gelassen eine Augenbraue und scheint sich über irgendwas zu amüsieren.

Vielleicht über Wilfried, der sich wieder mal alle Mühe gibt, wie ein Vollidiot auszusehen. Über seiner aufgedunsenen Wampe spannt sich ein kariertes Oberhemd, das in einer dunkelblauen, langen Trainingshose steckt. Sein Gesicht muss mal jemand auseinandergenommen und falsch wieder zusammengesetzt haben. Alles scheint irgendwie schief und verrutscht, wie bei einem Boxer nach der zehnten Runde oder auf manchen Bildern von Picasso. Ein speckiger Scheitel teilt seinen Eierkopf in zwei ungleiche Hälften. Die kleinen Schweinsäuglein hinter seiner klobigen, schwarzen Brille flitzen nervös hin und her und kommen nicht zur Ruhe. Rechts und links drückt er sich je einen Medizinball gegen die Hüften. Drei Kugeln nebeneinander.

Zu Speckmann gibt es nicht viel zu sagen: brauner Trainingsanzug, sandfarbener Bürstenkopf, griesgrämiges Gesicht, stechender Blick. Trillerpfeife um den Hals, Stoppuhr in der Hand. Louis van Gaal in schmal.

»Kein Grund zur Sorge, Männer«, beginnt Speckmann. »Wilfried und ich werden das Kind schon schaukeln.«

Ich glaube, ich bin im falschen Film.

»In zwei Tagen machen wir euch so fit, dass ihr die Japaner in Grund und Boden rennt, sie auseinandernehmt, ihnen die Bude vollhaut …«

»Wo ist Andreas?«, unterbricht ihn Flo.

»Ach, das wisst ihr noch gar nicht? Andreas ist im Krankenhaus.«





Freitag, einen Tag vor Turnierbeginn

Verdammter Muskelkater. Mühsam schwinge ich meine bleischweren Beine aus dem Bett und stakse mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Bad. Meine Augen sind geschwollen. Habe ich etwa geweint? Der gestrige Tag kommt mir vor wie ein böser Traum.

Zuerst das ewige Warten auf dem Trainingsplatz, dann Speckmann und Wilfried, die wie aus heiterem Himmel mit ihrer Schrottkarre aufkreuzten und sich als unsere neuen Trainer ausgaben. Diese komische Geschichte von Andi, der vorgestern Abend im Vereinsheim wohl einen über den Durst getrunken hat. Angeblich ist er irgendwann vom Stuhl gekippt und einfach liegen geblieben. Wollte partout nicht mehr zu sich kommen, sodass Ernie hinterm Tresen schließlich nichts anderes übrig blieb, als den Notarzt zu rufen.

Und jetzt liegt Andi im Krankenhaus und muss fürs Erste dort bleiben, weil’s ihm gar nicht gut geht. Sagt Speckmann. Vielleicht eine Lebensmittelvergiftung. Meint Wilfried. Oder die Schweinegrippe. Glaubt Benno. Aber warum man dann plötzlich bewusstlos wird, wusste er auch nicht.

Als wäre das Ganze nicht schlimm genug, haben Speckmann und Wilfried gestern noch ein Training aufgezogen, das mit Fußball so viel zu tun hat wie Kickers Vellbach mit der Champions League.

Er wolle erst mal sehen, was wir konditionell so draufhaben, hat Speckmann erklärt und uns »zum Aufwärmen« ungefähr siebenundzwanzig Mal um den Platz gescheucht. Immer schön am Zaun entlang. Danach haben wir uns im Sitzen die Medizinbälle zugeworfen und sind um die Wette durch den Strafraum gerobbt. Am Ende, als sowieso keiner mehr laufen konnte, gab’s zur Belohnung ein dreiminütiges Spiel fünf gegen fünf mit fliegendem Torwart. Dann hat er uns mit einem kernigen »Bis morgen, Männer!« entlassen.

Medizinbälle haben echt eine erstaunliche Wirkung: Meine Zahnbürste ist über Nacht so schwer geworden, dass ich sie kaum zum Mund heben kann. Aber egal. Es gibt eben Trainer, sage ich mir, bei denen das erste Training besonders hart ist, weil sie sich erst mal Respekt verschaffen wollen. Und wenn sie sehen, dass alle richtig mitziehen, werden sie unheimlich nett und führen die Spieler an der langen Leine. Eigentlich eine gute Methode, rede ich mir ein und beginne so langsam, mich doch ein klein wenig auf das heutige Nachmittagstraining zu freuen. Denn heute wird bestimmt richtig Fußball gespielt, jede Wette!





Wie man sich doch täuschen kann. Als Jaromir und ich das Trainingsgelände erreichen, trauen wir unseren Augen nicht. Während Speckmann auf einem Klappstuhl sitzt und ein Wurstbrot mampft, stellt Wilfried kleine, orangefarbene Hütchen auf, wie man sie vom Straßenbau kennt. Jede Menge Hütchen hat er bereits aneinandergereiht und scheint großen Wert darauf zu legen, dass zwischen ihnen stets exakt derselbe Abstand ist.

Vor Speckmanns Stuhl liegt ein einziger Fußball. Als Pablo ihn sich schnappen will, setzt Speckmann blitzschnell seinen Fuß darauf und wedelt mit dem Zeigefinger. »Nur gucken, nicht anfassen!«, gluckst er und lacht wiehernd über seinen gelungenen Scherz.

Die Medizinbälle haben sich hingegen wundersam vermehrt. Sechs von ihnen liegen wie an einer Schnur aufgereiht nebeneinander, die anderen sechs jeweils gegenüber. Wilfried, dem der Schweiß auf der Stirn steht, überprüft ein letztes Mal die Abmessungen des Hürdenparcours und die Standfestigkeit der Eisenstangen, von denen er etwa zwanzig in den Boden gerammt hat.

Ein schriller Pfiff ertönt. »So Männer!«, ruft Speckmann und klatscht in die Hände. »Jetzt könnt ihr zeigen, was in euch steckt. Wilfried erklärt euch alles Weitere. Viel Spaß beim Training!«

Ich werfe Flo einen hilflosen Blick zu. Flo schaut Benno an, Benno schaut Jaromir an, Jaromir schaut Philipp an, Philipp schaut Michi an und Michi blickt zu Boden.

»Also erst mal zu den Hürden«, kommandiert Wilfried. »Aber ein bisschen plötz …«

»So geht das nicht!«, unterbricht ihn eine feste Stimme.

Alle drehen sich um.

»So geht das nicht«, wiederholt Flo.

Speckmann ist aufgestanden. »Was geht so nicht, Florian König?«

»Das mit dem Training. Wir sind noch von gestern total kaputt, und morgen haben wir unser erstes Spiel. Wenn wir wieder so hart trainieren, kriegen wir gegen Japan kein Bein auf den Boden. Wir sollten uns lieber einspielen, statt Kondition zu bolzen.«

Ganz ruhig sagt er das, als wäre es ein Vortrag, den er zuvor auswendig gelernt hat. Wilfried läuft eine Schweißperle über die Wange. Speckmanns Augen werden zu schmalen Schlitzen. »Jetzt hör mal gut zu, mein Freund. Nur weil dein Vater hier der Big Boss ist, brauchst du noch lange nicht auf dicke Hose zu machen. Ich bin seit dreißig Jahren in diesem Geschäft und lasse mir von einem Grünschnabel nicht sagen, wie ich zu trainieren habe. Und damit eins klar ist: Bei mir kommen nur Spieler zum Einsatz, die sich im Training voll reinhängen. Gegen Weicheier und Schönspieler bin ich nämlich allergisch!«

Flo hält seinem Blick lange stand. Dann zuckt er die Schultern, dreht sich um und geht auf die Hürden zu. »Na los, Männer!«, ruft er und ahmt Speckmanns Stimme nach. »Oder ist etwa ein Weichei unter euch?«

Speckmann sieht ihm nach, spuckt auf den Boden und setzt sich wieder hin.





Als Benno, Flo und ich zwei Stunden später ins Vereinsheim einlaufen, besser gesagt, einhumpeln, sind wir nahe am Verdursten.

»Sechs große Apfelschorlen, Ernie!«, krächze ich mit letzter Kraft und lasse mich auf den nächstbesten Stuhl fallen.

»Wieso sechs? Ihr seid doch nur zu dritt?«

»Eben.«

Ernie versteht und stellt eine Minute später sechs halbe Liter vor uns hin.

»Aua … ah ….«, stöhnt Benno unter dem Tisch.

»Alles in Ordnung, mein Junge?«, fragt Ernie besorgt. »Ist nur ein Krampf … wollte mir den Schuh zubinden, verdammt!«

»Ihr seht ja ganz schön mitgenommen aus. Also an eurer Stelle würde ich vor der Mini-WM nicht mehr so reinhauen. Übertriebener Ehrgeiz schadet nur.«

Ein Orkan der Entrüstung entlädt sich über Ernie. Ob er denn noch nicht gehört hat, welch grausamem Schicksal wir seit gestern ausgeliefert sind.

Hat er nicht.

»Verraten und verkauft sind wir«, beteuert Benno.

»Mein Alter macht Hackfleisch aus dem«, ergänzt Flo düster.

»Aus wem?«, fragt Ernie.

»Na, aus Speckmann!«

Ernie pfeift durch die Zähne. »Ich verstehe...« Er scheint einen Augenblick nachzudenken und blickt sich über die Schulter, ob auch keine ungebetenen Zuhörer in der Nähe sind. »Also, ihr wisst ja, dass ich grundsätzlich nicht schlecht über andere Leute rede, aber was ich mit dem schon erlebt habe …«





Samstag, Turnierbeginn

»Du bist ja so still heute, Putzi.«

»Mmm.«

»Ist irgendwas?«

»Nö.«

»Denkst du schon an euer Spiel?«

»Jaja …«

Nach dem dritten Versuch, ein Gespräch mit mir in Gang zu bringen, gibt meine Mutter auf und konzentriert sich ganz auf den Verkehr. Wir sind auf dem Weg nach Dornheim. Das liegt zwanzig Kilometer Landstraße von Vellbach entfernt und hat ein riesiges Einkaufszentrum, in dem wir ab und zu unsere Wochenendeinkäufe erledigen. Da unser Auftaktmatch gegen Japan erst um 15 Uhr stattfindet, habe ich nichts dagegen, mich vorher ein bisschen abzulenken. Zu Hause würde ich ja doch nur rumsitzen und die Zeit totschlagen.

Plötzlich zucke ich zusammen. »Fahr mal langsam!«

»Warum?«

»Langsam … bitte!«

Nach einem raschen Blick in den Rückspiegel tritt sie vorsichtig auf die Bremse. In Schrittgeschwindigkeit rollen wir an einem kleinen Rastplatz vorbei, der durch hohe Tannen von der Fahrbahn getrennt wird. Nach der letzten Tanne drehe ich mich um und erblicke einen alten, grünen Mercedes, den ich aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen hatte. Nummernschild: VEL-GS-2403. Dacht’ ich mir’s doch. Daneben ein brauner Holztisch, an dem Speckmann einem Mann mit Glatze und Kinnbart gegenübersitzt. Wie eine kleine Puppe sieht Speckmann aus, macht einen krummen Rücken und lässt die Schultern hängen, während der andere auf ihn einredet. Wie merkwürdig, denke ich, wo der doch sonst immer den großen Macker markiert.

»Ist okay, fahr weiter.«

»Was war denn?«

»Ach, nichts.«

Meine Mutter runzelt die Stirn und wirft mir einen erstaunten Blick zu, stellt aber keine weiteren Fragen.





Der Sportpark ist kaum wiederzuerkennen. Über der Einfahrt zum Parkplatz wölbt sich ein riesiges aufblasbares Plastiktor, auf dem in roter Schrift DIE KREISSPARKASSE VELLBACH BEGRÜSST SIE ZUR MINI-WM steht. Zahlreiche Mädchen in Jules Alter tragen weiße T-Shirts, auf denen ebenfalls »Kreissparkasse Vellbach« steht. Sie haben sich über das gesamte Sportgelände verteilt und verschenken Fähnchen, Becher und Luftballons mit der Aufschrift »Kreissparkasse Vellbach«.

Um Viertel nach zwei stapfe ich über die Schwelle des Klubhauses, biege aber weder nach rechts zum Vereinsheim noch nach links zum Kabinentrakt ab, sondern studiere in der Eingangshalle erst mal den Gruppenplan:




Danach werfe ich einen Blick auf die Ergebnisse der beiden Vormittagsspiele der Gruppe A:





Frankreich - Russland 2:2

Argentinien - Schweden 1:4





Eigentlich keine Überraschungen. Hätte nur nicht gedacht, dass sich die Argentinier aus Schmalstedt so gut aus der Affäre ziehen. Die müssen einen neuen Torwart haben.

In der Kabine herrscht kurz darauf hektisches Treiben. Wilfried wirft jedem von uns ein blaues Trikot zu, auf dem hinten ITALIA und vorne »Kreissparkasse Vellbach« steht. Speckmann zieht einen zerknüllten Zettel aus der Tasche, faltet ihn auseinander und gibt die Startaufstellung bekannt: »Jaromir, Alex, Felix …« Puh! Ich stoße erleichtert die Luft aus, lasse mir aber ansonsten nichts anmerken. »… Basti, Paco, Pablo und Danny.«

»Entschuldigung, Herr Speckmann«, fasst sich Michi ein Herz, »aber wir fangen immer mit Benno und Flo an.«

»Da könnt ihr mal sehen, wie grün ihr hinter den Ohren seid, wenn’s um Taktik geht«, entgegnet Speckmann trocken. »Auf das Überraschungsmoment kommt es an. Glaubt ihr etwa, es gibt hier auch nur eine Mannschaft, die eure Standardaufstellung nicht kennt? Die Japaner haben ihre Spione doch überall. Die glauben, sie hätten uns durchschaut. Aber nicht mit mir, sage ich euch. Nicht mit mir! Seid froh, dass ihr einen Trainer mit dreißigjähriger Erfahrung habt. Einen Trainer, der den ganzen Vormittag an seinem Schreibtisch verbracht hat, um die richtige Taktik auszutüfteln.«

Wilfried nickt bedeutungsschwer, und ich werde von einer ohnmächtigen Wut gepackt. Am liebsten hätte ich ihm seinen beschissenen Zettel ins Maul gestopft und ihn angebrüllt, dass sein Schreibtisch ja wohl kaum auf einem Rastplatz an der Landstraße nach Dornheim steht. Zitternd balle ich die Fäuste, bis meine Fingerknöchel weiß werden.

»Der moderne Fußball hat drei Elemente«, fährt Speckmann fort. »Eine schnelle, wendige Verteidigung, ein kompaktes Mittelfeld und einen schlanken Angriff. Unsere mexikanischen Rennmäuse halten also die Abwehr zusammen. Felix, Basti und Danny besetzten das Mittelfeld und Alex ist einzige Spitze. Und haut denen auf die Socken, dass es nur so kracht. Ich will Einsatz sehen.«

Mit diesen Worten dreht er sich um, wirft den Zettel in den Papierkorb und knallt die Tür hinter sich zu, dass die Bänke erzittern.

»Ihr habt gehört, was der Trainer gesagt habt«, grunzt Wilfried. »Also raus zum Warmmachen, los, los …«

Wir schlurfen fassungslos aus der Tür. Das ist keine Taktik, sondern Wahnsinn. Der reine Selbstmord.





Als der Anpfiff ertönt, stehen wir mit schweren Beinen auf ungewohnten Posten. Paco und Pablo blicken sehnsüchtig nach vorne, wo sie normalerweise die gegnerische Verteidigung durcheinanderwirbeln. Alex wirft einen besorgten Blick nach hinten, wo er sonst mit Benno dafür sorgt, dass die Null steht. Basti und Danny schleppen sich orientierungslos durchs Mittelfeld. Abgesehen von Jaromir bin ich der Einzige, der seinen angestammten Platz einnimmt, und spüre die Last der Verantwortung auf meinen Schultern.

Nichts gegen Post SV Hohenweiler, und ich will hier auch keine dicke Lippe riskieren, aber normalerweise hauen wir denen in null Komma nichts den Kasten voll. Das wissen die selbst ganz genau, lassen den Ball unbeholfen durch die eigenen Reihen hoppeln und wundern sich darüber, dass wir uns wie in Zeitlupe bewegen. Ein Katastrophenkick, der jeder Beschreibung spottet. Hier spielt Dumm gegen Doof, besser gesagt, der FC Untalentiert gegen den TSV Übertrainiert. Nach dreißig Minuten bereitet der Schiri dem Grauen ein vorläufiges Ende und pfeift zur Halbzeit.

Nach der Pause wird das Niveau dann noch mieser, falls das überhaupt möglich ist. Zweikämpfe Mangelware, Strafraumszenen Fehlanzeige, Torschüsse nicht vorhanden. Zwei Minuten vor dem Ende wird Flo für Basti eingewechselt, um das Ruder herumzureißen, aber vergeblich. Er hat gerade zum ersten Mal den Ball berührt, da gellt uns der Schlusspfiff in den Ohren. Ein »leistungsgerechtes« 0:0 nennt man das wohl.

Mit hängenden Köpfen schleichen wir vom Platz, während die Japaner sich abklatschen.

In der Kabine sagt keiner ein Wort. Nur Speckmann ist offenbar bester Laune: »Große Klasse, Männer! So hab ich mir das vorgestellt. Darauf lässt sich aufbauen. Nicht eine Torchance haben die gegen uns herausgespielt …« Ich kann mir den Schwachsinn nicht länger mit anhören, schnappe mir ungeduscht meine Sporttasche und flüchte nach draußen. Flo und Benno stolpern mir hinterher.

»Lässt mich die ganze Zeit auf der Bank schmoren, der Mistkerl!«, brummt Benno.

»Mich bringt der in letzter Sekunde«, faucht Flo. »Und wisst ihr, was er zu mir gesagt hat? ›Jetzt kannst du zeigen, dass du in die Mannschaft gehörst‹, hat er gesagt. Ich könnte ihn umbringen!«

»Du musst unbedingt mit deinem Vater reden!«, flehe ich. »Der soll den achtkantig rauswerfen.«

»Und zwar am besten gleich aus dem ganzen Verein«, ergänzt Benno.

»Das werde ich«, verspricht Flo. »Noch heute Abend rede ich mit meinem Vater. Ihr könnt euch darauf verlassen.«





Sonntag, zweiter Spieltag

»Du hast es versprochen!«, wiederholt Benno beleidigt und stopft sich den Rest seines Nutellabrötchens in den Mund.

»Ich weiß. Aber an meinen Vater komme ich im Moment einfach nicht ran. Der hat alle Hände voll mit der Organisation des Turniers zu tun. Die Argentinier haben Protest eingelegt, weil bei den Schweden angeblich ein Dreizehnjähriger mitgespielt hat. Außerdem sucht er händeringend nach Ersatz für zwei Schiris, die plötzlich krank geworden sind. Gestern hab ich’s drei Mal bei ihm versucht, und immer sagte er ›Später, Flo, später‹. Dann hing er den ganzen Abend am Telefon, und als ich heute Morgen aufgestanden bin, war er schon weg.«

»Was sollen wir denn jetzt machen?«, frage ich verzweifelt.

»Erst mal die Konkurrenz angucken«, antwortet Flo, während wir uns im allgemeinen Gedränge vorwärtsschieben. Der Sportpark platzt bereits aus allen Nähten. Auch der Parkplatz ist restlos überfüllt, doch die Volkssparkasse Vellbach hat in weiser Voraussicht die sogenannte Hundewiese auf der anderen Straßenseite zum Ausweichparkplatz umfunktioniert. Gegen den bescheidenen Unkostenbeitrag von drei Euro darf man dort sein Fahrzeug abstellen, gegen den Spottpreis von fünf Euro sogar bis zum Abend.

»Bin gespannt, was die Blumenberger so auf der Pfanne haben«, fügt Flo hinzu und stößt die Tür zum Klubhaus auf.

Der Spielplan des heutigen Sonntags kündigt folgende Begegnungen an:



Gruppe B Gruppe D

Deutschland - Mexiko Brasilien - Österreich

England - Elfenbeinküste Spanien - Niederlande





Die Partien der Gruppe B laufen bereits, als wir uns um zehn nach elf endlich bis zum Spielfeldrand von Platz 2 vorgekämpft haben. England gegen die Elfenbeinküste ist ein echtes Lokalderby, denn Holzhausen und Blumenberg liegen gerade mal zehn Kilometer voneinander entfernt. Die beiden Nachbarn schenken sich nichts, doch der Druck der Blumenberger wird immer größer, und vor allem die Kowalski-Brüder verbreiten im gegnerischen Strafraum Angst und Schrecken. Als Marek Kowalski eine Flanke seines Bruders per Seitfallzieher in den Winkel drischt, nicken wir stumm und sind beeindruckt. Benno brummt zwar, »den hätte Jaromir mit der Mütze gefangen«, aber daran glaubt er wohl selbst nicht.

Die Blumenberger von der Elfenbeinküste scheinen jetzt ernst zu machen und belagern den gegnerischen Strafraum. Junge, Junge, bei denen läuft der Ball wie am Schnürchen, denke ich und könnte vor Scham im Boden versinken, wenn ich an unseren Zeitlupenkick von gestern zurückdenke.

Ein Angriff nach dem anderen rollt auf den Holzhauser Strafraum zu, deren Verteidiger sich verzweifelt in die Schüsse werfen. Ein abgefälschter Ball landet am Pfosten, den Nachschuss wehrt der Keeper auf der Linie ab. Kurz darauf klingelt es zum zweiten Mal im englischen Kasten, und als sich Roman Kowalski eine Minute später in die Luft schraubt und zum 3:0 für die Elfenbeinküste einnickt, ist der Käse gegessen und der weitere Spielverlauf vorgezeichnet: Die Blumenberger werden Kleinholz aus den Holzhausern machen, und wir wissen genau, welchem Gegner wir frühestens im Finale begegnen wollen.

Finale … noch vor drei Tagen wäre ich jede Wette eingegangen, dass wir das Finale erreichen. Aber vor drei Tagen waren wir ja auch noch nicht diesem aufgeblasenen Kinderquäler mit der Trillerpfeife und seinem bekloppten Hütchenaufsteller mit der dicken Brille ausgesetzt. Vor drei Tagen war alles noch schön und richtig und gut. Unsere Vorfreude und unser Optimismus waren grenzenlos. Speckmann und Wilfried haben alles kaputt gemacht. Das werde ich ihnen nie verzeihen!

Da wir von den Blumenbergern genug gesehen haben, drängeln wir uns weiter bis zu Platz 1, wo sich Deutschland und Mexiko ein ausgeglichenes Match liefern. Noch bevor wir uns einen freien Platz an der Seitenlinie erkämpft haben, höre ich zwei vertraute Stimmen, die »ihre« Mannschaft frenetisch anfeuern: »Venga chicos, a por ellos!«1 Paco und Pablo natürlich. Sie tragen mexikanische Nationaltrikots und hüpfen vor Begeisterung auf und ab. Als Pablo uns sieht, winkt er eifrig und ruft, wir sollen zu ihnen rüberkommen. Also Kopf wieder runter und weitergedrängelt.

Inzwischen habe ich Benno und Flo aus den Augen verloren, die sich irgendwo ihre eigenen Weg bahnen. Als ich mich suchend nach ihnen umdrehe, stoße ich mit einem blonden Mädchen zusammen. Ihr Getränkebecher fliegt samt Inhalt durch die Luft und verpasst einem älteren Jungen eine erfrischende Coladusche. »Hey, Tussi, kannst du nicht aufpassen!«

»Tschulligung«, nuschele ich, hebe den leeren Becher auf und halte ihn ihr unbeholfen entgegen. Warum tue ich das eigentlich?

»Ist doch leer«, sagt sie.

»Ach ja«, entgegne ich lachend und lasse ihn wieder fallen.

Was für leuchtende Augen sie hat, wie blaue Scheinwerfer.

»Ich hab gestern euer Spiel gesehen.«

Schluck.

»Hat mir gut gefallen.«

Hab mich köstlich amüsiert, meint sie wahrscheinlich. Ich spüre, wie mir der Schweiß in den Nacken läuft. »Na dann …«, stottere ich.

»Na dann was?«

»Na dann tschüs.« Ich bin so ein Volltrottel.

»Wie heißt du?«

»Äh … Felix.«

»Tschüs, Felix.«

Und weg ist sie.

Und wie heißt du?, möchte ich ihr nachrufen, aber zu spät. Die besten Fragen fallen einem im Leben immer erst hinterher ein.

Ich stolpere weiter. Erblicke endlich zwei grüne Flummis mit schwarzen Haaren, daneben Flo und Benno.

»Warum schwitzt du denn so?«, wundert sich Paco, als ich mich endlich zu ihnen durchgeschlagen habe.

»Ist so heiß heute«, krächze ich.

Er sieht mich erstaunt an.

»Wer ist denn besser?«, frage ich schnell, um das Thema zu wechseln.

»Mexiko natürlich«, antwortet Paco mit breitem Grinsen.

»Wir machen Burritos aus denen«, bestätigt Pablo.

Ich hoffe, dass wir nicht irgendwann gegen Mexiko ranmüssen. Wahrscheinlich würden die beiden mit fliegenden Fahnen zum Gegner überlaufen.

Als wir 40 Minuten später mitsamt der Masse in Richtung Ausgang gespült werden, sind Paco und Pablo mit dem 1:0 »ihrer« Jungs hochzufrieden. An unser morgiges Spiel scheinen sie keinen Gedanken zu verschwenden. Benno und Flo sind wortkarg. Wahrscheinlich spukt ihnen dieselbe Frage wie mir durch den Kopf: Wie besiegt man seinen eigenen Trainer?





Montag, dritter Spieltag

Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Nachdem alle Mannschaften ihr Auftaktspiel absolviert haben, sehen die Resultate folgendermaßen aus:





Gruppe A

Frankreich - Russland 2:2

Argentinien - Schweden 1:4

Gruppe B

Deutschland - Mexiko 0:1

England - Elfenbeinküste 0:7

Gruppe C

Italien - Japan 0:0

Schweiz - Portugal 1:1

Gruppe D

Brasilien - Österreich 1:1

Spanien - Niederlande 3:1





Für Furore gesorgt hat bis jetzt nur die Elfenbeinküste. Und wenn Speckmann das gesamte Teilnehmerfeld über unsere wahre Leistungsstärke hinwegtäuschen wollte, dann ist ihm das glänzend gelungen.

Der Protest der Argentinier wurde übrigens abgewiesen. Aus dem Spielerpass des betroffenen Jungen geht eindeutig hervor, dass er bei seinem Einsatz für Schweden exakt zehn Jahre, drei Monate und sieben Tage alt war. Allerdings sorgte sein Passbild für einige Diskussionen, weil der argentinische Keeper behauptete, der schielende Typ auf dem Foto sei hundertprozentig der 13-jährige Metzgersohn aus Tiefenbrunn, das erkenne er auf den ersten Blick.





14.20 Uhr. Noch vierzig Minuten bis zum Anpfiff. Im Sportpark herrscht gemächliches Treiben. Der Parkplatz ist nicht einmal halb voll. Die Mädchen mit den Fähnchen und Luftballons sind verschwunden, und auch das Publikumsinteresse hat merklich nachgelassen. Ist ja auch Montag heute.

Flo hat den Fahrdienst für Jaromir übernommen. Immerhin hat er ausgeruhte Oberschenkel.

Als ich die Kabinentür aufschiebe, fällt mein erster Blick auf eine grüne Tafel. Darauf ist eine rätselhafte Anordnung weißer Kreuze zu sehen. Taktikfuchs Speckmann hat offenbar wieder Überstunden am Schreibtisch gemacht.

Benno fragt Michi, ob seine Mutter die Trikots vielleicht zu heiß gewaschen hat. Seins würde plötzlich über dem Bauch spannen. Doch wir anderen merken keinen Unterschied.

»So, Männer!«, beginnt Speckmann seine Kabinenansprache. »Nachdem wir den Japanern gezeigt haben, wo der Hammer hängt, knöpfen wir uns heute die Portugiesen vor. Eine genaue Analyse der ersten Begegnung hat ergeben, dass unsere größte Stärke eindeutig in der Verteidigung liegt. Und ein Team ist nur dann erfolgreich, wenn es sich auf seine Stärken besinnt.«

»So isses«, brummt Wilfried.

»Und was«, fährt Speckmann fort, »ist die ureigenste Stärke jeder italienischen Mannschaft?«

Allgemeines Schweigen.

»Katanatscho!«, verkündet Speckmann und blickt visionär in die Ferne.

»Catenaccio«, verbessert Flo. »Eine italienische Defensivtaktik aus den 60er-Jahren. Spielt heute kein Mensch mehr.«

»Schnauze, König! Wir werden der Welt heute zeigen, was perfektes Katanatscho ist. Dann können sich die Portugiesen schön die Zähne an uns ausbeißen. Mit diesem Riegel hier«, er tippt auf die vier Kreuze, die sich unmittelbar vor dem eigenen Tor befinden, »ist unser Kasten so sicher wie Fort Knox. Felix, Basti, Paco, Pablo, das ist euer Job. Als zusätzliche Absicherung spielen wir mit einer Doppelsechs vor der Viererkette.« Speckmann zeichnet quietschend zwei weitere Kreuze ein. »Ich habe hier an Danny und Flo gedacht, falls sich der Herr Klugscheißer für ehrliche Abwehrarbeit nicht zu schade ist.«

Flo wischt sich gelassen einen Fussel von der Schulter.

»Ich erwarte auf dem Feld absolute Disziplin. Wer seine Position nicht einhält, ist sofort wieder draußen, habt ihr mich verstanden?«

»Entschuldigen Sie, Herr Speckmann …«

Michi ist immer so höflich.

»Hm?«

»Wenn wir alle in der Abwehr spielen, wer soll dann die Tore schießen?«

»Das erkläre ich dir, wenn du aus den Windeln raus bist, mein Kleiner«, antwortet Speckmann mit größter Liebenswürdigkeit. »Vorne geht immer was. Das wusste schon Sepp Herberger, und das weiß auch Günter Speckmann. Also auf geht’s zum Warmmachen!«

Mit diesen Worten reißt er die Tür auf und stampft auf den Gang hinaus. Die Tür schlägt gegen die Kabinenwand, bevor sie krachend ins Schloss fällt.





Als der Schiedsrichter das Spiel um Punkt 15 Uhr freigibt, haben wir unser Tor nach allen Regeln der Kunst verbarrikadiert. Allerdings ohne unseren etatmäßigen Abwehrchef Benno. Der schmort weiterhin auf der Bank.

Die Portugiesen aus Moordorf scharen sich sofort um unseren Strafraum und passen den Ball von der rechten auf die linke Seite und wieder zurück. Wie beim Handball wandert das Spielgerät um den Sechzehner, der bei uns ein Zehner ist. Unsere Abwehr verschiebt sich von einer auf die andere Seite. Das ist hier wie Schattenboxen. Niemand geht ernsthaft zum Angriff über.

Nach vier Minuten fliegt der erste Verzweiflungsschuss der Portugiesen auf unser Tor zu. Jaromir fängt den Ball mit einer Hand und rollt ihn zu Pablo. Zögerlich bereiten wir einen Gegenstoß vor, doch als Danny kurz vor der Mittellinie den Ball verstolpert, ziehen wir uns blitzschnell wieder in die Verteidigung zurück, und das alberne Fußballballett geht von vorne los.

Wir machen uns hier doch komplett lächerlich, denke ich und bin offenbar nicht allein mit diesem Gedanken. Als sich Flo den Ball erkämpft, spielen wir einen schnellen Doppelpass und befinden uns unversehens jenseits der Mittellinie. Mit einer eleganten Finte lässt Flo einen weiteren Gegenspieler aussteigen und sieht im Augenwinkel, wie Danny die linke Außenbahn entlang sprintet. Der wird mustergültig bedient, zieht nach innen und schlenzt den Ball nur um Zentimeter am langen Pfosten vorbei.

»Danny, zurück!«, brüllt Speckmann. »Du hast da vorne nichts zu suchen!« Auch Basti wird es vor Jaromirs Tor zu langweilig. Unbemerkt von Freund und Feind pirscht er sich an den gegnerischen Strafraum heran und nagelt einen Abpraller per Dropkick an die Latte. Speckmann tobt: »Basti, was soll der Scheiß?« Auch Wilfried ist aufgesprungen und rudert hektisch mit den Armen.

Wir aber haben Blut geleckt und lassen nicht locker. Daran kann auch Speckmanns Donnerwetter in der Pause nichts ändern. Michi und Benno sind jetzt für Basti und Danny im Spiel, und als hätten wir eine stumme Verabredung getroffen, werfen wir unsere aufgezwungene Fort-Knox-Taktik mehr und mehr über den Haufen. Wie befreit spielen wir plötzlich auf und erinnern uns an all das, was Andi uns beigebracht hat.

Da mag Speckmann an der Seitenlinie einen Tanz aufführen wie Rumpelstilzchen und seine sinnlosen Kommandos über den Platz brüllen. Wir stellen die Ohren auf Durchzug, lassen den Ball zirkulieren und stürzen die Moordorfer von einer Verlegenheit in die andere.

Selbst Benno scheinen Flügel zu wachsen. Dabei war er nach der Pause noch so missmutig aufs Feld gestapft, als sei es unter seiner Würde, sich von diesem Trainer einwechseln zu lassen.

Jetzt kann uns niemand mehr aufhalten. Mit einem Steilpass auf Paco reiße ich die gegnerische Deckung auf. Der läuft alleine dem Keeper entgegen, legt im letzten Moment quer auf seinen heranstürmenden Bruder, und Pablo donnert den Ball ins Tor, als wolle er ein Loch ins Netz schießen.

Juchzend fallen Paco und Pablo übereinander her. Flo reißt sie jubelnd zu Boden. Michi springt auf Flos Rücken und ich springe auf Michis Rücken. Als Letzter hechtet Benno auf unseren Haufen. Im Augenblick des Triumphs kann man einiges aushalten.

Als die Moordorfer gegen Ende alles nach vorne werfen, kontern wir sie klassisch aus: Benno köpft den Ball aus der Gefahrenzone, Flo schickt Michi auf die Reise, Michi eilt auf den herauseilenden Torwart zu und lupft den Ball mit einer perfekten Bogenlampe über ihn hinweg in die Maschen. Wow!

Als der Schlusspfiff ertönt, reißen wir erleichtert die Arme hoch. Nur Speckmann winkt ab und marschiert wortlos in Richtung Kabine. Wilfried sieht etwas verunsichert aus, doch als sein Chef außer Sichtweite ist, klopft er Michi anerkennend auf die Schulter.

Speckmanns Kabinenpredigt hat sich gewaschen. Von unverzeihlicher Disziplinlosigkeit schwadroniert er und dass wir es nur der Schwäche des Gegners zu verdanken hätten, nicht die Quittung für unser eigenmächtiges Verhalten bekommen zu haben. Unsere Abwehr sei ein einziger Hühnerhaufen gewesen. »Aber wenn ihr glaubt, ihr könnt mir auf der Nase herumtanzen«, poltert er, »dann habt ihr euch getäuscht. Deshalb werden wir morgen eine Zusatzschicht einlegen. Eine kleine Trainingseinheit zur Stärkung von Muskulatur und Disziplin sozusagen.«

»Morgen wird hier aber gespielt«, wirft Philipp ein.

»Messerscharf erkannt«, erwidert Speckmann. »Deshalb treffen wir uns um 16 Uhr auf der Alten Weide gegenüber vom REWE. Wer nicht weiß, wo das ist, den hole ich gerne persönlich mit dem Auto ab.«

Alle versichern schnell, dass sie ganz genau wissen, wo die Alte Weide ist. Wer will schon von Speckmann abgeholt werden?

Du kriegst uns nicht klein, denke ich grimmig und will mir die Freude über den heutigen Sieg nicht nehmen lassen. Wahrscheinlich war es der wichtigste Sieg, den wir je errungen haben. Wir haben nicht nur die Portugiesen geputzt, sondern auch Speckmann ein Schnippchen geschlagen. Und plötzlich weiß ich auch, wem wir das sofort erzählen müssen.





Immer noch dritter Spieltag

»Also ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.« Benno schüttelt zweifelnd den Kopf. »Außerdem hat Speckmann doch gesagt, dass Andi noch viel zu schwach ist, um Besuch zu empfangen. Wenn er einen Rückfall kriegt, dann sind wir schuld.«

»Ich glaub dem kein Wort«, entgegnet Flo. »Hör gut zu und tue das Gegenteil. Das ist bei Speckmann die beste Devise.«

»Wenn ich auch nur einen Tropfen Blut sehe, kippe ich sofort um«, warnt Benno.

»Deshalb wollen wir ja auch nicht zum Schlachthof, sondern ins Krankenhaus«, beruhige ich ihn.

Aber ein bisschen mulmig ist auch mir zumute. Meine Eltern gucken montags immer so eine Krankenhausserie im Fernsehen. Da stecken in den Patienten meistens tausend Kabel und Schläuche, und irgendwann fängt ein Gerät an zu piepen, und eine grüne Linie auf einem Monitor hüpft auf und ab, bis sie schließlich ganz flach wird und ein fieser Heulton zu hören ist, der bedeutet: Ende, aus, Feierabend.

Mit den Resten unseres Taschengelds haben wir eine Topfblume und einen Schokoriegel gekauft - falls Andi bei Bewusstsein sein sollte.

Mit Gummibeinen schlendern wir auf die Eingangstür des Kreiskrankenhauses zu und erschrecken ein bisschen, als diese sich automatisch öffnet. Benno und ich verlangsamen unsere Schritte, während sich Flo selbstbewusst an die Rezeption wendet: »Entschuldigen Sie, wir möchten gerne Herrn Andreas Winterhoff besuchen … falls das möglich ist.«

»Er liegt auf der Intensivstation«, fügt Benno düster hinzu.

»Einen Moment bitte …« Die Krankenschwester hinter der Glasscheibe drückt ein paar Tasten auf ihrem Computer und sagt: »Herr Winterhoff liegt nicht auf der Intensiv, sondern auf B 138. Nächste Tür rechts.«

»Seht ihr!«, sagt Flo erleichtert. »Nicht auf der Intensiv.«

»Wahrscheinlich haben die hier auch eine Sterbeabteilung«, flüstert Benno.

»Unsinn, jetzt komm!«

Wir biegen rechts um die Ecke und drücken beklommen eine dieser Glastüren auf, durch die man nicht hindurchsehen kann. Dann stapfen wir einen grellen Gang entlang und zählen die Zimmernummern runter: 143, 142, 141, 140, 139 …

Schluck.

Flo klopft leise an.

Stille.

Flo klopft noch mal.

»Ja, bitte?« Andis Stimme.

»Hört sich ziemlich schwach an«, raunt Benno. Doch Flo hat schon die Tür geöffnet.

»Flo! Felix! Benno! Das ist aber schön, dass ihr mich besuchen kommt. Ich langweil mich hier echt zu Tode.«

Andi sieht aus wie das blühende Leben.

»Ach, ist die für mich?« Er nimmt Benno die Topf - blume aus der Hand. »Und der Schokoriegel auch? Mmm, ich liebe Süßigkeiten, aber ihr hättet euch wirklich nicht in Unkosten zu stürzen brauchen.«

Wir sind so erleichtert, dass wir nicht wissen, was wir sagen sollen.

»Übrigens Glückwunsch zum 2:0. Herr Speckmann hat mich gerade angerufen und erzählt, wie zufrieden er mit euch ist und wie gut ihr im Training mitzieht.«

»Was???«, rufen wir wie aus einem Mund.

»Also gegen Post Hohenweiler wärt ihr noch ein bisschen aufgeregt gewesen, hat er gesagt, deshalb hat es auch nur zu einem 0:0 gereicht. Aber heute gegen Moordorf hättet ihr euch so richtig freigespielt.«

»Das hat er gesagt?«, frage ich aufgebracht.

»Aber ja«, antwortet Andi verwundert. »Stimmt das denn nicht?«

»Ich durfte erst eine einzige Halbzeit ran«, beschwert sich Benno.

»Und mich hat er im ersten Spiel eine Minute vor Schluss eingewechselt«, fügt Flo hinzu.

»Im Training macht der uns so fertig, dass wir nicht mehr geradeaus laufen können«, ergänze ich, und plötzlich brabbeln wir alle durcheinander: »Durch den Strafraum müssen wir robben … uns huckepack nehmen … Medizinbälle schleppen … beim kleinsten Fehler zwanzig Liegestütz … oder zehn Strafrunden … null Balltraining … Scheiß-Taktik … Großmaul … Angeber … Diktator …«

Andi macht große Augen. »Ist es wirklich so schlimm?«

Wir nicken so heftig, dass uns fast die Köpfe abfallen, und schauen ihn mit traurigen Hundeaugen an.

»Also das hätte ich wirklich nicht gedacht«, sagt er nach einer Weile. »Natürlich glaube ich euch, und ich weiß ja, dass Speckmann ein eigenwilliger Typ ist, aber dass er euch so offenkundig falsch einsetzt, wundert mich doch ein bisschen …«

»Dauert es denn noch lange, ich meine, mit deiner Krankheit?«, frage ich.

»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht«, antwortet er ernst. »Das ist eine seltsame Geschichte. Mit meinen Reflexen stimmt was nicht, sagen die Ärzte. Außerdem habe ich manchmal Schwindelanfälle und so ein taubes Gefühl in den Fingerkuppen. Und wisst ihr, was das Merkwürdigste ist? Ich kann mich an diesen Abend im Vereinsheim überhaupt nicht erinnern. Alles gelöscht. Totaler Filmriss. Dabei hatte ich kaum Alkohol im Blut, wie sich herausgestellt hat. Zu viel getrunken kann ich also nicht haben.«

»Bei meinem Opa ist das auch so«, sagt Benno. »Der weiß heute nicht mehr, was gestern …«

»Ach, lass doch deinen Opa!«, unterbricht ihn Flo gereizt.

»Mein ja nur.«

»Jedenfalls wollen die Ärzte noch weitere Tests mit mir machen«, fährt Andi fort. »Kann also noch ein bisschen dauern, bis ich hier rauskomme. Hm … soll ich wegen Speckmann vielleicht mal mit deinem Vater reden, Flo?«

»Das versuche ich ja selbst schon die ganze Zeit«, entgegnet Flo. »Aber an den kommt man im Moment einfach nicht ran. Der hat so viel um die Ohren, dass er gar nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht.«

»Verstehe …« Andi macht ein nachdenkliches Gesicht.

»Und morgen hat Speckmann auch noch ein Straftraining angesetzt«, werfe ich seufzend ein. »Auf der Alten Weide.«

»Ein Straftraining auf der Alten Weide?« Andi scheint mehr belustigt als empört zu sein. »Da ist das Gras doch kniehoch, und all die Maulwurfshügel … da kann doch kein Mensch Fußball spielen.«

»Will er ja auch gar nicht!«, jammert Benno. »Der will uns nur triezen und seine Macht demonstrieren.«

»Eine kleine Trainingseinheit zur Stärkung von Muskulatur und Disziplin«, zitiert Flo und ahmt Speckmanns knarzige Stimme nach.

Andis Augen verdüstern sich. »Also wenn das so ist … wenn der wirklich nichts anderes im Kopf hat, als meine Jungs zu schikanieren …«

Wir hängen an seinen Lippen.

»… wenn der glaubt, er könne meine Mannschaft zugrunde richten, die ich aufgebaut habe, dann werden wir geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen, und zwar sofort! Wisst ihr was, ab jetzt übernehme ich wieder das Kommando!«, verkündet er.

Mein Herz macht vor Freude einen Sprung.

»Aber wie soll das denn gehen, solange du hier im Krankenhaus bist?«, fragt Flo zweifelnd.

»Macht euch darüber mal keine Sorgen. Wir werden gemeinsam einen Schlachtplan aushecken. Umsetzen müsst ihr ihn allein, aber das schafft ihr schon. Flos Vater brauchen wir dazu gar nicht. Wir nehmen die Sache selbst in die Hand. Fürs Erste kommt es doch nur darauf an, dass ihr ins Viertelfinale einzieht, richtig?«

Dreifaches Kopfnicken.

Andi denkt einen Moment nach. »Ich hätte da schon eine Idee«, beginnt er bedächtig. »Die funktioniert allerdings nur, wenn alle aus unserem Team damit einverstanden sind, vor allem Philipp, Michi, Basti und Danny.«

Ich frage mich, worauf er hinauswill.

»Also hört zu: Das Straftraining morgen kann er vergessen. Da macht ihr einfach nicht mit.«

Nicht mitmachen? Schon bei dem Gedanken, mich Speckmann zu widersetzen, bricht mir der kalte Schweiß aus.

»Genauer gesagt: Ihr macht nur zum Schein mit.«

Klingt schon besser.

»Ihr tut nicht mehr, als unbedingt nötig. Passt auf, dass ihr euch nicht zu sehr verausgabt, ihr braucht eure Kräfte schließlich für das letzte Gruppenspiel. Provoziert ihn ruhig ein bisschen, kommt zu spät oder fahrt nach einer halben Stunde wieder nach Hause.«

»Dann wird er sich damit rächen, dass er unsere besten Spieler wieder nicht einsetzt«, gibt Flo zu bedenken.

»Wird er aber müssen«, entgegnet Andi gelassen.

»Wieso?«, will Benno wissen.

»Weil ihr am Mittwoch nur zu siebt beim Spiel erscheint. Wenn Philipp, Michi, Basti und Danny sich bereit erklären, dieses eine Mal freiwillig auszusetzen, zum Wohle der Mannschaft sozusagen …«

»Dann müssen wir mit unserer Stammbesetzung spielen«, vervollständige ich den Satz.

»Das ist genial!«, ruft Flo.

»Und ich bin überzeugt davon, dass ihr ein gutes Spiel machen werdet. Denkt einfach an das, was wir immer wieder trainiert haben: Ruhe in den Aktionen, Ordnung auf dem Platz, nach dem Abspiel nicht stehen bleiben, sondern sich gleich wieder anbieten. Vertraut auf eure Stärken. Pablo und Paco machen über die Außen Dampf, und du, Felix, stößt in die Spitze vor, wenn es sich anbietet. Dann lässt sich Flo zur Absicherung ein Stück zurückfallen. Um die Verteidigung mache ich mir sowieso keine Sorgen. Schließlich haben wir ja Alex und unseren Benno, und der hat bisher noch jeden Stürmer abgekocht, stimmt’s, Benno?«

Benno strahlt und schweigt.

»Aber ihr müsst trotzdem höllisch aufpassen! Neben Blumenberg ist Ohrenhofen unser größter Konkurrent bei diesem Turnier. Eine brandgefährliche Truppe ist das, hab sie vor zwei Wochen erst spielen sehen. Und eine Niederlage dürfen wir uns morgen nicht erlauben.«

Wir atmen alle tief durch und sind uns des Ernstes der Lage vollauf bewusst. Andi streckt seinen Arm aus und hält die geöffnete Handfläche nach oben. Wir zögern nicht und schlagen der Reihe nach ein, bis alle vier Hände übereinanderliegen.

»Ich weiß, ich kann mich auf euch verlassen!«





Dienstag, vierter Spieltag

In der großen Pause haben wir uns alle in eine Ecke des Schulhofs zurückgezogen, um über das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Nachdem wir die anderen in Andis Plan eingeweiht haben, spricht für ein paar Sekunden niemand ein Wort.

Michi spitzt die Lippen. Danny starrt nachdenklich in die Ferne. Basti nickt mehrmals stumm vor sich hin. Philipp verschränkt die Arme und bläst die Backen auf.

In diesem Moment habe ich fast ein schlechtes Gewissen.

»Wir sind ein Team! Jeder ist gleich wichtig!« Das hat uns Andi immer wieder gesagt. Bei jedem Training und vor jedem Spiel. Doch jetzt sieht es so aus, als seien vier von uns weniger wichtig als die anderen.

»Also meinetwegen«, gibt Danny sich schließlich einen Ruck, »aber nur unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«, fragt Flo.

»Dass wir auch wirklich ins Viertelfinale einziehen. Ich hab nämlich keine Lust zu verzichten, wenn das Turnier dann sowieso für uns gelaufen ist.«

»Ist doch Ehrensache!«, versichert Benno.

»Ganz deiner Meinung, Danny« sagt Basti. »Ich will übrigens nicht nur ins Viertelfinale, sondern nach Südafrika. Bedingung Nummer zwei ist natürlich, dass sich Speckmann grün und blau ärgert!«

»Worauf du dich verlassen kannst«, entgegne ich.

Auch Michi und Philipp sind einverstanden, fragen sich aber, womit sie ihr Fernbleiben erklären sollen.

»Einer von euch könnte heute Nachmittag ja eine Verletzung vortäuschen«, schlage ich vor.

»Super Idee, ich melde mich freiwillig«, sagt Philipp. »Spätestens in der fünften Trainingsminute wälze ich mich auf dem Boden und markiere den sterbenden Schwan.« Philipp lässt sich auf den Schulhof sinken und gibt eine kleine Kostprobe seines schauspielerischen Könnens: Mit schmerzverzerrtem Gesicht hält er sich das Knie und stößt grässliche Laute aus. Er wirft gepeinigt den Kopf hin und her, dann schlägt er sich theatralisch eine Hand vor die Augen, als sei ihm in diesem Moment das ganze Ausmaß seiner Verletzung bewusst geworden. Ein achtfacher Kreuzbandriss hat ihn ereilt - mindestens!

Wir sind schwer beeindruckt von Philipps Darbietung und malen uns den Rest der Geschichte aus: Philipps hoffnungsvolle Karriere nimmt ein jähes Ende; der Junge ist Sportinvalide und muss den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen. Speckmann wird dazu verurteilt, ihm jeden Monat 10.000 Euro zu überweisen, als Strafe für seine unverantwortlichen Trainingsmethoden.

Wir krümmen uns vor Lachen und klatschen begeistert in die Hände.

»Und ich werde heute Nachmittag spontan von der Grippe gepackt!«, ruft Michi und simuliert einen täuschend echten Hustenanfall. Er hustet, röchelt und würgt, bis sein Gesicht knallrot ist und ihm die Augen aus den Höhlen treten.

Als es zur nächsten Stunde klingelt, machen wir High five und kehren bestens gelaunt in unsere Klassenzimmer zurück. Die Sache ist entschieden: Philipp verletzt, Michi krank, und für die anderen beiden fällt uns auch noch was ein.





Die Trainingsbedingungen auf der Alten Weide sind übrigens noch schlimmer, als wir sie uns vorgestellt haben. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle hinzufügen, dass die Alte Weide der Schandfleck von ganz Vellbach ist. Ein hässliches, ödes Stück Land, eingezwängt zwischen Friedhof, Autobahnzubringer und der städtischen Mülldeponie. Eine Beleidigung für jede Kuh, die hier grasen müsste, aber ein Paradies für durchgeknallte Fußballtrainer.

Als Speckmann um 16 Uhr in seine Trillerpfeife bläst, stehen wir bis zu den Knöcheln im Matsch, denn es hat heute Nacht geregnet. Der dicke Wilfried stemmt untätig seine Patschhändchen in die weichen Hüften. Das heutige Training ist natürlich Chefsache.

»Und los!«, kommandiert Speckmann, worauf wir gehorsam in die Knie gehen und im Entengang durch den Morast watscheln. Bei jedem Schritt entsteht ein schmatzendes Geräusch unter den Füßen, während uns das hohe Gras am Kinn kitzelt. »Schneller, schneller!«, ruft Speckmann ungeduldig, als er sieht, dass wir nach einer Minute erst drei Meter zurückgelegt haben. Aber das »Schneller« kann er sich in die Haare schmieren. Zum einen weil wir im Schlamm kaum vorankommen, zum anderen weil wir Andis Ratschlag beherzigen: immer schön langsam machen.

Als nächste Übung steht - wer hätte das gedacht? - Froschhüpfen auf dem Programm. Und zwar immer um die Maulwurfshügel herum, die wie schwarze Inseln im gelblichen Sumpf liegen. Für Philipp eine willkommene Gelegenheit, der Welt zu zeigen, was hohe Schauspielkunst ist. Während uns Speckmanns »Hopp, hopp, hopp!« in den Ohren gellt, kippt Philipp plötzlich mit einem herzzerreißenden Schrei zur Seite und hält sich mit beiden Händen den Knöchel. Wir anderen Frösche hüpfen ihm sogleich zur Hilfe. Philipp zwinkert mir kurz zu, bevor er ein lang gezogenes »Aaaaaaaaaaaaaaahhhhhhh!« ausstößt und mit einer Hand mehrmals auf den Boden schlägt, sodass der Matsch aufspritzt. »Lass das!«, brummt Benno mit gesprenkeltem Gesicht.

Speckmann stapft missmutig herbei. »Was ist los, Philipp?«

Doch Philipps Antwort ist nur ein unverständliches Stöhnen, während er sich ein paar Tränen aus den Augen quetscht. Donnerwetter, denke ich. Sogar heulen kann der auf Kommando.

»Wird doch wohl nicht so schlimm sein«, knurrt Speckmann und will ihn hochziehen, doch als er Philipp am Arm packt, gibt dieser einen so gequälten, tierischen Laut von sich, dass Speckmann gleich wieder loslässt.

»Er muss sofort ins Krankenhaus!«, ruft Flo, während er seinem verletzten Freund den Schweiß von der Stirn tupft.

Bei dem Wort Krankenhaus zuckt Speckmann zusammen und sieht auf einmal ziemlich blass aus. »Also das mit dem Krankenhaus, Jungs, das muss ja nicht unbedingt …«

»Ist schon okay«, stöhnt Philipp, der offenbar wieder sprechen kann. »Bringt mich einfach nach Hause.« Das lassen sich Jaromir und Danny nicht zwei Mal sagen. Sie helfen dem Schwerverletzten auf die Beine und führen ihn behutsam vom Acker.

Zeit für Teil zwei der Vorstellung. Als Speckmann zur Trillerpfeife greift, lässt Michi einen filmreifen Hustenanfall vom Stapel. Schon während Philipp am Boden lag, hatte er sich ein ums andere Mal würgend an den Hals gefasst. Doch nun sinkt er auf die Knie und steigert sich in eine Darbietung hinein, die ihm bei jeder Hustenolympiade die Goldmedaille sichern würde.

Wilfried ist sofort bei ihm und legt dem röchelnden Bündel zu seinen Füßen, das von krampfhaften Zuckungen geschüttelt wird, linkisch die Hand auf die Schulter. »Bei denen hat’s die ganze Familie erwischt«, erkläre ich mit sorgenvoller Miene. »Scheint wohl doch ziemlich ansteckend zu sein. Seine Schwester hat extremes Fieber …«

»41,6«, bringt Michi würgend über die Lippen, ehe er sich unversehens aufbäumt und einen so gewaltigen Huster ausstößt, dass ein kleiner Spuckeball in hohem Bogen durch die Luft fliegt und auf Wilfrieds kariertem Pullunder landet. Der weicht erschrocken zwei Schritte zurück.

Speckmann bricht das Training entnervt ab. »Das reicht, Männer, Schluss für heute!«

Eigentlich schade, denke ich. Wir sind doch gerade erst richtig in Fahrt gekommen.





Mittwoch, fünfter Spieltag

Tag der Entscheidung, zumindest der Vorentscheidung. Während ich auf dem Fahrrad unserem Schicksalsspiel entgegenstrampele, versuche ich mich mental auf das Kräftemessen mit den Schweizern aus Ohrenhofen vorzubereiten.

Ich habe mal gehört, dass man mehr Selbstvertrauen kriegt, wenn man sich selber lobt. Aber eigentlich fehlt es mir nicht an Selbstvertrauen; außerdem wüsste ich auch gar nicht, was ich zu mir sagen sollte. »Du spielst echt gut Fußball«, könnte ich natürlich sagen, aber das weiß ich ja schon. Wahrscheinlich hilft diese Taktik nur bei Leuten, die eben nicht gut Fußball spielen. Aber das würde ja heißen, dass man mehr Selbstvertrauen kriegt, wenn man sich anlügt. Oder wie?





Als Speckmann eine halbe Stunde vor Spielbeginn schniefend in die Kabine stapft, ist dort ungewöhnlich viel Platz vorhanden. Er trägt eine schwarze Pudelmütze mit Bommel sowie einen gleichfarbigen Wollschal. Offenbar hat er sich gestern auf der matschigen Wiese die Füße verkühlt. Sein üblicher brauner Trainingsanzug ist einem identischen Modell in Hellgrau gewichen, das allerdings auch nicht viel besser aussieht. Wilfried hingegen besticht mal wieder durch seinen modischen Einfallsreichtum und trägt zu seinen braunen Sandalen einen lila-grünen Jogginganzug aus Ballonseide. Wahrscheinlich lässt sich der besser desinfizieren, falls er noch mal von einem grippekranken Spieler angespuckt wird.

Flo meldet unverzüglich das Fehlen unserer angeschlagenen Kicker: Philipp, flunkert er, habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht und könne sein Bett nur mit fremder Hilfe verlassen. Michi habe 40 Grad Fieber und darüber hinaus seine Stimme verloren. In beiden Fällen drohe ein längerfristiger Ausfall.

»Dachte ich mir schon«, krächzt Speckmann mit heiserer Stimme und deutet auf Wilfried, der eine Magnettafel aus seiner Tasche geholt hat und sich anschickt, die erste Kabinenansprache seines Lebens zu halten.

Er räuspert sich zwei Mal. »Tja … ähm … der Trainer ist krank, also mach ich das jetzt.« Für Wilfrieds Verhältnisse eine bemerkenswert elegante Einleitung. »Wir dürfen heute nicht verlieren, sonst ist der Pokal futsch«, fährt er fort. »Die Schweiz ist nicht Japan und auch nicht Portugal. Die sind sehr gefährlich, vor allem vorne. Deshalb müssen wir uns was einfallen lassen, vor allem hinten. Wir spielen mit derselben Viererkette wie letztes Mal: Felix, Basti …« Wilfried blickt sich suchend in der Kabine um. »Wo ist der eigentlich?«

»Der hat mich gerade angerufen«, antwortet Benno. »Sein Wellensittich hat Durchfall bekommen, deshalb musste er mit ihm zum Arzt. Aber vielleicht schafft er es zur zweiten Halbzeit.«

»Der Wellensittich?«

»Nein, Basti natürlich.«

»Ach ja.« Wilfried scheint etwas aus dem Konzept geraten zu sein. »Äh, gut, dann spielt eben Danny … Danny?«

»Der lässt sich entschuldigen«, erkläre ich. »Ein runder Geburtstag seiner Oma …«

»Den kann man doch auch später feiern«, raunzt Wilfried ungehalten.

»Die wohnt aber weit weg«, füge ich rasch hinzu. »Sehr weit sogar. In der Schweiz, glaube ich … oder in Portugal.«

»Portugal?«

Ich zucke verlegen die Schultern.

Wilfried blickt unsicher zu Speckmann hinüber, aber der nimmt keine Notiz von uns, sondern hustet unablässig in sich hinein.

Für einen Moment steht Wilfried unschlüssig da, schüttelt den Kopf und atmet einmal tief durch. Dann nimmt er seine Magnettafel zur Hand und markiert mit den kleinen roten Plättchen eine Aufstellung, die gar nicht mal so unvernünftig aussieht. Als wäre er bei Andi statt bei Speckmann in die Lehre gegangen, schiebt er die Plättchen hin und her und erklärt, wie wir uns in verschiedenen Spielsituationen verhalten sollen.

Jetzt wird’s ernst, sage ich mir, als der Gang des Kabinentrakts kurz darauf vom Getrappel unserer Stollenschuhe widerhallt.

Einer nach dem anderen laufen wir aufs Spielfeld und beginnen mit unseren Aufwärmübungen. So richtig System steckt eigentlich nicht dahinter. Jeder rennt ein bisschen auf und ab, deutet ein paar gymnastische Übungen an und tut so, als sei er hoch konzentriert. Dabei werfen wir verstohlene Blicke auf die andere Spielhälfte, wo unsere Gegenspieler dasselbe machen.

Hatte Flo nicht erzählt, dass bei denen ein kleines Mädchen im Tor steht? Während wir uns den Ball zupassen, riskiere ich einen Blick - und haue vor Schreck ein Loch in die Luft, als ich die blonde Torhüterin erblicke. Sie hat ihre halblangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, trägt ein Basecap und hat leuchtend blaue Augen. Das Mädchen mit dem Colabecher!

»Sag mal, Flo, hast du nicht gesagt, die wäre so klein, dass sie eine Leiter braucht, um an die Latte zu kommen?«, frage ich nervös.

»Dann muss sie wohl gewachsen sein«, entgegnet er gleichmütig.

Mir wird heiß und kalt. Hat sie mir etwa zugewinkt? Ich wende rasch den Kopf ab und fahre mit der Hand über meinen Nacken. Er ist schweißnass. Als ich wieder hinüberblicke, um gegebenenfalls zurückzuwinken, pflückt sie gerade lässig eine Flanke herunter. Dann lässt sie sich ein paar Schüsse aufs Tor knallen, die sie mit bemerkenswerter Reaktionsschnelligkeit abwehrt.

Noch zwei Minuten. Beide Mannschaften scharen sich um ihre Trainer und treffen die letzten Vorbereitungen. Wilfried ruft uns ein paar aufmunternde Worte zu, aber ich höre gar nicht hin, sondern trotte mit Tunnelblick zum Anstoßkreis, wo der Ball schon bereitliegt. Ein kurzer Pfiff und das Spiel läuft.

Da wir heute weder von Speckmanns Betontaktik noch von schweren Beinen behindert werden, lassen wir den Ball erst mal routiniert durch die eigenen Reihen laufen und warten ab, wie die Schweizer darauf reagieren. Die üben sich in vornehmer Zurückhaltung und lassen uns gewähren. Gut so, denke ich und unternehme die ersten Versuche, das Heft in die Hand zu nehmen. Doch aus irgendeinem Grund will das Spielgerät heute nicht so, wie ich gern will.

»Schlechter Platz«, murmele ich, als mir ein Zuspiel von Flo über den Fuß springt und ins Seitenaus trudelt. Aber das war nur mein erster Stockfehler. Zwei Mal nacheinander verstolpere ich den Ball im Mittelfeld, und als ich Paco mit einem Außenristpass Marke extralässig bedienen will, landet der natürlich beim Gegner.

»Konzentrier dich, Felix!«, höre ich Wilfrieds dumpfe Stimme.

Ich konzentriere mich ja, aber je angestrengter ich versuche, meine Missgeschicke auszubügeln, desto peinlicher werden meine Aktionen. Okay, jeder hat mal einen schlechten Tag, denke ich, aber doch bitte nicht ich. Und vor allem nicht heute!

Da ich dafür sorge, dass wir den Ball in schöner Regelmäßigkeit an die Ohrenhofener abtreten, fühlen die sich natürlich zu eigenen Angriffen ermutigt. Leider liefere ich besten Anschauungsunterricht darin, wie man seinen Gegner stark macht. Ein erster Warnschuss zischt nur haarscharf an Jaromirs Pfosten vorbei. Eine Minute später segelt eine harmlos aussehende Flanke in unseren Strafraum, irgendein Unglücksrabe - wer wohl? - säbelt über den Ball, und ein Schweizer Angreifer zimmert den Ball am machtlosen Jaromir vorbei in unseren Kasten. Betreten verziehe ich mich in Richtung Mittellinie.

Als der Schiedsrichter kurz darauf zur Pause bittet, hätte ich mich am liebsten auf der Stelle in eine Maus oder meinetwegen in eine von Wilfrieds stinkenden Socken verwandelt - hauptsache, es erkennt mich keiner. Doch niemand macht mir einen Vorwurf. Schließlich sind wir ein Team, oder?

Nach der Pause drehen wir mächtig auf. Meine Mitspieler haben begriffen, dass mit mir heute kein Blumentopf zu gewinnen ist, und verzichten vorsichtshalber darauf, mich in ihre Kombinationen einzubinden. Das verschafft mir immerhin die Gelegenheit, mich unbemerkt in den gegnerischen Strafraum zu schleichen, um dort auf meine Chance zu lauern.

Und der Fußballgott hat tatsächlich ein Einsehen: Nach einem Pressschlag von Pablo fällt mir drei Meter vor dem Tor zufällig der Ball vor die Füße. Völlig unbedrängt habe ich plötzlich die Riesenchance, auf einen Schlag alles gutzumachen. Ich hole weit aus und sehe den Ball schon im Netz zappeln, als ein dröhnender Schmerz durch mein rechtes Bein zuckt und mich zu Boden streckt. Ich muss mit voller Wucht in den Rasen getreten haben.

Der Schmerz ist so groß, dass mir für einen Augenblick die Luft wegbleibt. Als ich wieder zu mir komme, blicke ich direkt in zwei besorgte blaue Augen, die mir wie Scheinwerfer entgegenleuchten: »Geht’s wieder, Felix?«

»Wie heißt du eigentlich?«, frage ich sie, ehe ich wieder klar denken kann.

»Mira«, antwortet sie und lacht. »Alles okay mit dir?«

»Geht schon«, murmele ich und bemühe mich um eine männlich tiefe Stimme. Dann lasse ich mir von ihr und Flo auf die Beine helfen.

Mit zusammengebissenen Zähnen halte ich durch, obwohl mir bei jedem Schritt ein Blitz durch die Hüfte zuckt. Gegen eine Auswechslung hätte ich jetzt nicht das Geringste einzuwenden, aber diese Möglichkeit haben wir uns ja selbst genommen.

Während ich also versuche, nicht allzu sehr im Weg rumzustehen, belagern meine Mitspieler den gegnerischen Strafraum. Einen Drehschuss von Paco wehrt Mira mit dem Fuß ab; einen Schlenzer von Flo fischt sie im letzten Moment aus dem Winkel. So langsam läuft uns die Zeit davon, und diese Mira zeigt hier wirklich die unglaublichsten Paraden. Als Pablo im nächsten Moment frei vor ihrem Kasten auftaucht, springt sie ihm wie ein Handballtorwart entgegen und macht auch diese Großchance zunichte.

In den letzten Minuten stürmen wir mit Mann und Maus. Selbst Benno bleibt jetzt vorne und wirft sich mit seinem ganzen Kampfgewicht in die Flanken, die im Sekundentakt vor das Schweizer Tor segeln.

Jetzt aber, das muss es doch sein - einen Flugkopfball von Alex lenkt Mira mit den Fingerspitzen an den Innenpfosten. Der Ball kullert direkt vor dem Tor entlang. Flo und Pablo springen nacheinander an ihm vorbei, ehe ich die Kugel mit einem schmerzhaften Spreizschritt über die Linie drücke.

Sekunden später werde ich unter einem verschwitzten Spielerhaufen begraben. Alle schreien mir in die Ohren, zerren vor Begeisterung an meinen Haaren oder schlagen mir enthusiastisch auf den Kopf. So eine Jubelorgie ist wie eine Tracht Prügel.

Danach ist Schluss. Auf Benno gestützt schleppe ich mich zum Spielfeldrand und nehme die Glückwünsche von Wilfried entgegen. Von Speckmann ist weit und breit nichts zu sehen.

Wir haben tatsächlich das Viertelfinale erreicht. Mir fällt ein Stein vom Herzen, vor allem wenn ich an Philipp, Michi, Basti und Danny denke. Nicht auszudenken, wenn wir das hier vergeigt hätten.

Flo sieht mich grinsend an. »Warum hast du die eigentlich nach ihrem Namen gefragt?« Tja, wenn ich das wüsste. Vermutlich einer der peinlichsten Momente meiner bisherigen Fußballerkarriere. Ich grinse verlegen zurück und werfe einen Blick zur Schweizer Mannschaft hinüber. Doch sehe ich nicht Mira, sondern ihren Trainer, der in diesem Moment seine Mütze abnimmt. Er hat eine Glatze und einen Kinnbart.

Diesen Mann habe ich doch schon mal irgendwo gesehen, überlege ich. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Der Typ saß an einem braunen Holztisch, auf einem Rastplatz an der Landstraße nach Dornheim. Vertieft in ein Gespräch mit - Speckmann.





Donnerstag, sechster Spieltag

Ich sitze allein im Flugzeug. Motorengeräusch dröhnt in meinen Ohren. Wo sind all die anderen? Als ich aus dem Fenster gucke, erblicke ich weit unter mir eine schier unendliche Steppe, die von vereinzelten Bäumen durchsetzt wird. Die Erde ist trocken und rissig. Eine Elefantenherde zieht gemächlich vorüber. Ein paar Giraffen knabbern an verdorrten Zweigen. Ein Gnu trinkt aus einem Wasserloch.

Je länger wir fliegen, desto grüner und fruchtbarer wird die Landschaft. Ich kann nun bewaldete Hügel und in der Ferne die Silhouette einer brodelnden Metropole erkennen. Der Pilot zieht die Maschine langsam nach unten, streift dabei ein paar Baumkronen und landet schließlich mitten in einem Urwald.

Als ich die Gangway hinuntergehe, erblicke ich ein Banner mit der Aufschrift »Willkommen in Südafrika«. Eine Militärkapelle spielt mir zu Ehren die deutsche Nationalhymne, doch werde ich nicht vom südafrikanischen Staatspräsidenten empfangen, sondern von einem Schwarzen mit nacktem Oberkörper, der aussieht wie ein Stammeshäuptling und einen großen Ring durch die Nase trägt.

Wir steigen in seinen Jeep und fahren mitten hinein in den dampfenden Dschungel, der von einem ohrenbetäubenden Schreien, Pfeifen, Klappern, Glucksen, Zischen und Zirpen erfüllt ist.

Die Urwaldgeräusche werden leiser, als wir eine weite Lichtung erreichen. Dafür erblicke ich jetzt eine Gruppe von Eingeborenen in voller Kriegsbemalung, die mit erhobenen Speeren um zwei große Tongefäße herumtanzen, unter denen jeweils ein Feuer lodert.

Der Häuptling mit dem Nasenring führt mich mit sichtbarem Stolz zu den Gefäßen, bei denen es sich offenbar um Kochtöpfe handelt, und stellt mir ein kleines Podest hin, damit ich in sie hineinschauen kann. Ich lasse mich nicht lange bitten - man will ja nicht unhöflich sein - und sehe, was ich bereits geahnt habe. Im ersten Gefäß schmort Speckmann vor sich hin, während im zweiten Wilfried hockt, der auch schon mal dicker war. Wilfried gibt keinen Laut von sich, doch Speckmann, dem die Hitze anscheinend nichts ausmacht, brüllt seine üblichen Kommandos: »Schneller!« und »Hopp, hopp, hopp!«

Erst in diesem Moment erkenne ich, dass der Häuptling das Gesicht von Andi hat und dass es sich bei den wilden Kriegern, die um die Gefäße tanzen, um meine Mannschaftskameraden handelt. Benno lehnt in diesem Moment seinen Speer gegen Speckmanns Kochtopf, geht in die Knie und bläst in die Flammen. Dann wache ich auf.





Helles Sonnenlicht fällt durch die Lamellen der Jalousie und zaubert ein gestreiftes Muster auf meine Bettdecke. Benommenen werfe ich einen Blick auf den Wecker. Schon halb zehn. Wegen meiner Verletzung darf ich heute zu Hause bleiben und ausschlafen. Mein Vater hat mich in der Schule entschuldigt und mir zwei schicke rote Krücken besorgt, damit ich beim Gehen mein rechtes Bein entlaste.

Ich greife unter das Bett, wo mein derzeitiges Lieblingsbuch liegt. Ehrlich gesagt, war es schon immer mein Lieblingsbuch. Noch ehrlicher gesagt, lese ich seit Jahren nichts anderes, deshalb kann ich es inzwischen fast auswendig. Es heißt Das Buch der Besten und enthält Porträts der größten Sportler aller Zeiten. Der Boxer Muhammad Ali und der Formel-1-Fahrer Michael Schumacher kommen darin vor, aber auch der Schweizer Tennisspieler Roger Federer, der fünf Mal hintereinander in Wimbledon gewonnen hat, oder der amerikanische Schwimmer Mark Spitz, der bei den Olympischen Spielen in München 1972 sieben Goldmedaillen holte und sieben Mal Weltrekord schwamm.

Einige Geschichten sind wirklich heftig und ein bisschen unheimlich, aber irgendwie habe ich die besonders gern, weil mir dann immer so ein schöner Schauer über den Rücken läuft. Wusstet ihr etwa, dass Michael »Air« Jordan, der beste Basketballer der Welt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere plötzlich aufhörte und anderthalb Jahre für ein erfolgloses Baseballteam spielte? Das hat er nur deswegen gemacht, weil sein Vater gerade ermordet worden war und der sich immer gewünscht hatte, dass Michael Baseball spielt. Ist doch echt verrückt, oder? Als er merkte, dass es Baseball nicht bringt, hat er dann erneut mit Basketball angefangen und war natürlich gleich wieder der Beste der Welt.

Echt krass ist auch die Geschichte eines Autorennfahrers aus Österreich. Der hieß Niki Lauda, hatte 1974 auf dem Nürburgring einen Horrorcrash und ist in seinem Auto fast verbrannt. Dann lag der im Krankenhaus im Koma und alle dachten, er stirbt. Aber 42 Tage später saß er mit seinen Brandverletzungen wieder im Cockpit und wurde nachher noch zwei Mal Weltmeister.

Natürlich gibt es auch ein langes Kapitel über Pelé, den besten Fußballer aller Zeiten, obwohl viele Brasilianer meinen, Garrincha wäre noch besser gewesen. Der war quasi behindert und hatte ein kurzes und ein langes Bein, aber gerade deswegen konnte der so wahnsinnig gut dribbeln. Später sind dann die Schmerzen zu groß geworden und er hat sich totgesoffen, obwohl er noch nicht mal 50 war. Steht auch in meinem Buch.

Genüsslich blättere ich vor und zurück, schaue mir zum tausendsten Mal die Fotos an und wundere mich zum tausendsten Mal darüber, was die früher für komische Frisuren hatten.

Als ich irgendwann um die Mittagszeit meine Beine aus dem Bett schwinge und ins Bad hinke, klingelt das Telefon. Ich hinke also weiter auf den Flur und danach durchs halbe Haus - bei uns weiß man nie, wo das Telefon gerade liegt -, ehe ich es auf dem Kühlschrank finde und keuchend auf den grünen Knopf drücke.

»Hier ist Flo, gute Nachrichten!«, höre ich eine aufgekratzte Stimme.

»Hast du endlich mit deinem Vater geredet?«, frage ich außer Atem.

»Nein, viel besser!«

»Ist etwa die Schule abgebrannt?«

»Nein«, antwortet er mit einem Lachen in der Stimme. »Noch viel, viel besser.«

»Na, rück schon raus mit der Sprache!«

»Das kann ich nicht am Telefon erzählen. Wir treffen uns in einer halben Stunde bei Benno, der hat sturmfreie Bude.«





Eine halbe Stunde später, auf Bennos Zimmer:

»Und was ist jetzt die dolle Neuigkeit?«, fragt Benno, bevor er sich die Hälfte seines Doppeldeckertoasts mit Nutellafüllung in den Mund schiebt.

»Mein Vater hat gestern Abend mal wieder ewig telefoniert«, beginnt Flo. »Und unter den vielen Gesprächen, die er geführt hat, war auch eins mit Herrn Hartwig dabei, unserem zweiten Vorsitzenden. Als der Name Speckmann fiel, bin ich natürlich hellhörig geworden. Mein Vater hat extra die Tür zu seinem Arbeitszimmer zugemacht, also bin ich sofort aufs Klo nebenan.«

»Hochinteressant«, entgegne ich, »und jetzt willst du uns in aller Ausführlichkeit erzählen, was du auf dem Klo gemacht hast?«

»Quatsch! Aber dort kann man jedes Wort, das im Arbeitszimmer gesprochen wird, so gut verstehen, als hätte man einen Kopfhörer auf.«

»Also wenn die Geschichte lange dauert, schmier ich mir noch zwei Brötchen«, sagt Benno.

»Bleib sitzen, die Geschichte ist schnell erzählt: Speckmann hat gewaltig Dreck am Stecken, der ist schon mit einem Bein im Knast!«

»Was???«, rufen Benno und ich völlig entgeistert.

Flo nickt zufrieden und lässt die Nachricht eine Zeit lang auf uns wirken.

»Seit vier Jahren ist der Typ jetzt Kassenwart, und mein Vater wundert sich anscheinend schon länger, dass unser Klub finanziell auf keinen grünen Zweig kommt. ›Obwohl die Zahl der Mitglieder steigt, sinken die Einnahmen‹, hat er gesagt, das hab ich ganz genau gehört. Dabei ist wohl schon lange nichts Neues mehr angeschafft worden. Ihr wisst ja selber, mit was für Schrottpillen wir hier spielen müssen. Und die neue Zapfanlage im Vereinsheim hat Ernie im Internet ersteigert.«

»Meinst du etwa, der hat sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt?«, frage ich ungläubig.

»Na logo! Und eins kann ich euch garantieren: Wenn mein Vater dem auf die Schliche kommt, dann ist der fällig und zwar sofort. Hartwig hat sogar schon ein paar Aktenordner vorbeigebracht. Die liegen jetzt im Arbeitszimmer meines Vaters, und die werden Speckmann zum Verhängnis werden.«

»Ist ja alles schön und gut«, sagt Benno, »aber was haben wir davon?«

»Dein Vater kann sich sowieso erst nach dem Turnier darum kümmern«, füge ich bestätigend hinzu. »Und solange Andi im Krankenhaus liegt, haben wir Speckmann weiter an der Backe und müssen zusehen, dass wir trotzdem irgendwie nach Südafrika kommen.«

Flo beißt sich auf die Lippen und ist offenkundig enttäuscht darüber, dass sich unsere Begeisterung in Grenzen hält.

»Felix hat recht«, erklärt Benno. »Wir haben einfach keine Zeit, um auf die Nachforschungen deines Vaters zu warten. Also wenn mir jemand garantieren könnte, dass Speckmann morgen früh um acht im Kittchen sitzt, im Sträflingsanzug und mit einer Eisenkugel am Fuß, das wär ‘ne super Sache. Ansonsten kann der nach dem Turnier auch Urlaub in Honolulu machen. Meine Meinung.«

Für eine Weile sitzen wir schweigend da und überlegen, was wir mit Flos Information anfangen sollen.

»Sag mal Flo, diese Aktenordner, die du erwähnt hast«, beginne ich zögerlich. »Liegen die jetzt einfach so im Arbeitszimmer deines Vaters? Ich meine, hat er sie nicht weggeschlossen?«

»Also eben lagen sie jedenfalls noch auf der Fensterbank. Du meinst doch nicht etwa, dass wir …?«

»Warum denn nicht? Das merkt doch kein Mensch, wenn wir da mal ein bisschen drin rumblättern.«

»Also ich weiß nicht«, entgegnet Flo und wiegt nachdenklich seinen Kopf. »Wenn mein Vater das rauskriegt, bekomme ich tierischen Ärger. Sein Büro ist quasi sein Heiligtum. Selbst meine Mutter geht da nur zum Staubsaugen rein.«

»Mensch, stell dir vor, wir könnten Speckmann selber was nachweisen!« Benno ist Feuer und Flamme. »Dann werden wir berühmt und kommen in die Zeitung. Überschrift: Vellbacher Nachwuchskicker bringen Trainer in den Knast. Das wär doch der Hammer!«

»Wir müssten nur den richtigen Zeitpunkt abpassen«, füge ich hinzu. »Deine Eltern sind doch bestimmt nicht immer zu Hause.«

Flo kaut weiterhin auf seiner Unterlippe herum. Dann sagt er nachdenklich: »Morgen Abend wollen sie ins Kino …«

»Na also!«, ruft Benno. »Und wir drei machen bei euch einen schönen DVD-Abend.«

»Wieso DVD-Abend?«

»Na, zum Schein natürlich. Felix und ich brauchen doch irgendeinen Vorwand, um von zu Hause wegzukommen und bei euch aufzukreuzen. Also, du checkst das noch mal mit dem Kino ab, und wenn deine Eltern morgen Abend tatsächlich weg sind, dann knöpfen wir uns die Unterlagen vor. Einverstanden?«

»Super Idee, so machen wir das!«, stimme ich begeistert zu. »Abgemacht, Flo?«

Flo scheint immer noch mit sich zu kämpfen. »Abgemacht«, sagt er schließlich. »Aber auf eure Verantwortung!«

Benno ballt die Fäuste. »Das muss gefeiert werden!« Er rast in die Küche und kommt im nächsten Moment mit drei Dosen Cola und einem Nutallabrötchen für jeden von uns zurück. Keine Ahnung, wie er die so schnell hat schmieren können. Wahrscheinlich macht er sie auf Vorrat.

»Da ist noch was«, sage ich kauend.

»Wie, noch was?«, fragt Flo.

»Na, mit Speckmann. Habt ihr gestern den Ohrenhofener Trainer gesehen?«

»Wir sind ja nicht blind«, antwortet Benno.

»Ich hab den erst richtig erkannt, als er seine Mütze abgenommen hat. Die Glatze kenn ich doch, hab ich gedacht, und da fiel mir ein, dass ich den zufällig am Vormittag vor unserem ersten Spiel gegen Japan gesehen habe.«

»Und was soll daran so besonders sein?«, fragt Flo.

»Ich war mit meiner Mutter auf dem Weg zum Einkaufszentrum nach Dornheim, da hab ich ihn im Vorbeifahren auf einem kleinen Rastplatz an der Landstraße sitzen sehen. Und jetzt ratet mal, wer ihm gegenübersaß!«

»Nee!«, ruft Benno.

»Doch!«, entgegne ich. »Günter Speckmann, live und in Farbe. Nur irgendwie sah der ganz anders aus als sonst. Zog den Kopf ein und saß da wie ein Häufchen Elend. Aber es war Speckmann, hundert Pro. Seine grüne Schrottkarre stand direkt daneben.«

»Ist ja nicht verboten, sich mit jemand auf einem Rastplatz zu treffen«, meint Flo.

»Aber die hätten sich doch genauso gut im Sportpark treffen können«, wende ich ein. »Außerdem hat der Angeber später behauptet, er hätte den ganzen Vormittag an seinem Schreibtisch verbracht, um die richtige Taktik auszuklügeln.«

»Vielleicht wollten die in Ruhe was besprechen«, schlägt Benno vor.

»Du sagst es«, entgegne ich und blicke von einem zu anderen. »Fragt sich nur, was.«





Freitag, spielfrei

»Hallo, ihr beiden«, begrüßt uns Flos Mutter, als Benno und ich um circa halb sieben bei Königs auf der Matte stehen. »Wirklich eine tolle Idee, dass ihr euch bei uns einen gemütlichen DVD-Abend machen wollt. Ich hab schon ein paar nette Filme für euch rausgelegt. Also, wir haben Das Dschungelbuch, den kennt ihr ja bestimmt, Michel aus Lönneberga und Emil und die Detektive, der ist echt cool!« Bei dem Wort cool zwinkert sie uns mit einem Auge zu. Will die uns etwa veräppeln mit ihren Kindergartenfilmen?

»Tja, da weiß man gar nicht, wofür man sich entscheiden soll«, entgegnet Benno scheinheilig.

»Limo ist im Kühlschrank!«, ruft Herr König von i rgendwoher. »Erdnussflips, Gummibärchen und Schokoküsse liegen auf dem Couchtisch!«

»Und nehmt euch ruhig Eis aus der Gefriertruhe«, fügt Flos Mutter hinzu. »Ich glaube, wir haben noch dieses Eis mit den Kuhflecken, Zitronensorbet, Vanilla Pecan von …«

»Ist gut, Mama, wir kommen schon zurecht«, unterbricht sie Flo, der ziemlich angespannt wirkt.

»Mann, du lebst hier echt im Paradies«, flüstert ihm Benno zu.

Als kurz darauf die Haustür hinter Flos Eltern ins Schloss fällt, stößt Flo einen erleichterten Seufzer aus, während Benno verschwörerisch eine DVD aus der Tasche zieht: Die rollenden Köpfe von Machu Picchu. »Ein geiler Horrorfilm«, erklärt er. »Der ist wirklich cool! Hab ich meinem großen Bruder gemopst.«

»Wir wollen doch nicht fernsehen, sondern uns in Speckmanns Akten vertiefen«, protestiere ich kopfschüttelnd.

»Vielleicht finden wir ja ganz schnell was, dann können wir später noch den Film gucken«, argumentiert Benno.

»Also hört zu, Leute!«, sagt Flo, als wir in das Arbeitszimmer seines Vaters schlurfen. »Hier wird nichts angefasst. Wir setzen uns auf den Boden und blättern dort vorsichtig die Unterlagen durch.«

»Ich hol mal schnell ein paar Erdnussflips«, sagt Benno und läuft aus dem Zimmer.

»Das lässt du schön bleiben!«, ruft Flo ihm hinterher. »Wenn’s unbedingt sein muss, dann iss die im Wohnzimmer. Aber wasch dir die Hände, bevor du wieder reinkommst.«

Auf der Fensterbank liegen vier Aktenordner übereinander. Flo hebt den ersten von ihnen so vorsichtig her - unter, als wäre er ein rohes Ei. In diesem Moment hören wir ein Geräusch an der Haustür. Flo zuckt zusammen und will den Ordner zurücklegen, doch er rutscht ihm aus den Händen und landet im nächsten Moment krachend auf dem Fußboden. Hals über Kopf stürzen wir auf den Flur, als Flos Vater zur Haustür hereinkommt.

»Hab mein Portemonnaie vergessen«, sagt er und schlendert an uns vorbei in sein Arbeitszimmer, in dem immer noch das Licht brennt. Mir bleibt fast das Herz stehen vor Schreck. Er geht hinter seinen Schreibtisch, wo irgendwo der Ordner auf dem Boden liegt, öffnet eine Schublade, nimmt sein Portemonnaie heraus, kehrt wieder um und knipst beim Hinausgehen das Licht aus.

»Also viel Spaß, Jungs!« Dann ist er wieder verschwunden.

Ich lehne mich gegen die Wand und keuche so heftig, als hätte ich gerade einen Hundertmeterlauf hinter mir. Flo, dem der Schweiß auf der Stirn steht, ist kreidebleich geworden. »Scheiße, scheiße, scheiße!«, flucht er leise in sich hinein.

Benno kommt aus dem Wohnzimmer, die Hand voller Erdnussflips. »Ist er wieder weg?«

Flo nickt stumm.

»Meinst du, er hat was gemerkt?«, frage ich ihn.

»Glaub nicht.«

Flo geht wieder ins Arbeitszimmer, macht das Licht an und hebt den Ordner auf, der den Sturz Gott sei Dank unbeschadet überstanden hat. Auf den Rücken hat jemand mit dickem, schwarzem Edding KASSENBUCH 2008 geschrieben.

Wir knien uns in die Mitte des Zimmers. Flo schlägt vorsichtig die erste Seite auf. Ein graues, unbeschriftetes Deckblatt ist zu sehen. Behutsam blättern wir Seite für Seite um und sehen uns einem verwirrenden Sammelsurium von Papieren gegenüber, die uns erst einmal gar nichts sagen: Rechnungen, Quittungen, Bestellungen, Bescheinigungen, dazwischen handgeschriebene Zahlenkolonnen etc. Unsicher blättern wir vor und zurück, ehe wir auf etwas stoßen, das uns bekannt vorkommt.

»Hier, guckt mal!«, sage ich. »Das scheint mit dem Weihnachtsbasar zu tun zu haben, wisst ihr noch?«

»Du meinst den großen Flohmarkt in der Turnhalle?«, fragt Benno.

»Richtig. Meine Mutter hat damals Waffeln gebacken, und ich bin für 50 Euro mein altes Fahrrad losgeworden, das weiß ich noch genau.«

»Lass mal sehen«, sagt Flo. »Hier steht ›Gesamteinnahmen Weihnachtsbasar inklusive Kuchenbüfett: 2.357,50 Euro.‹ Ganz schön viel, oder?«

»Weiß nicht«, sagt Benno. »Fragt sich, wo das Geld dann gelandet ist.«

»Na, auf dem Vereinskonto natürlich«, entgegnet Flo. »Das hat mir mein Vater mal erklärt. Alles Geld, das wir irgendwie einnehmen, kommt erst mal auf das Vereinskonto bei der Kreissparkasse. Und der Vorstand beschließt dann gemeinsam, wenn etwas davon wieder ausgegeben werden soll, zum Beispiel für neue Trikots oder wenn im Klubhaus irgendeine Reparatur fällig ist.«

»Und wo können wir sehen, dass das Geld auch auf dem Vereinskonto angekommen ist?«, will ich wissen.

»Warte mal«, sagt Flo, ich glaub, ich hab da hinten …« Er blättert bis ganz ans Ende des Ordners. »Genau! Hier sind Kontoauszüge. Da müsste das irgendwo stehen …«

Es dauert eine Weile, bis wir kapiert haben, was auf den Kontoauszügen alles draufsteht, doch schließlich entdecken wir, wonach wir gesucht haben: Neben dem Datum 16.12.08 steht »Bareinzahlung Vereinskonto Kickers Vellbach: 2.157,50 Euro«.

»Das war zwei Tage nach dem Weihnachtsbasar«, stelle ich fest. »Aber es fehlen genau 200 Euro.«

»Vielleicht sind die gleich für was anderes ausgegeben worden«, schlägt Benno vor. »Da vorne stand doch was von einer Reparatur, blättere mal zurück! Hier: ›Neuer Klorollenhalter Vereinsheim: 189 Euro‹. Da ist sogar eine Firma genannt, die den montiert hat.«

»Dass ich nicht lache«, entgegnet Flo. »So was macht Ernie allein, dazu braucht der keine Firma.«

Je länger wir uns in die Unterlagen vertiefen, desto besser können wir Einnahmen und Ausgaben miteinander in Verbindung bringen. Und noch mehrmals machen wir die gleiche Entdeckung: Von dem eingenommenen Geld ist nicht immer die vollständige Summe auf das Vereinskonto überwiesen worden. Das ist zwar noch kein Beweis, aber es könnte doch sein, dass Speckmann die fehlenden Beträge selbst eingesackt hat, als kleinen Nebenverdienst sozusagen.

Im Februar hat das Vereinsheim angeblich 1400 Euro verdient. Doch nur 1300 wurden auf das Vereinskonto eingezahlt. Vom Geld, das der Klub durch die Ausrichtung des alljährlichen Osterturniers eingenommen hat, fehlen sogar 300 Euro. Und bei dem von Speckmann selbst organisierten »Rundenlauf«, bei dem viele Eltern freiwillig 10 Euro für jede Runde zahlen, die wir um den Trainingsplatz drehen, ist ebenfalls mehr eingenommen worden, als später auf dem Vereinskonto gelandet ist.

Als wir um neun auf die Uhr blicken, tanzen die Buchstaben und Zahlen vor unseren Augen.

»Schlage vor, wir machen Schluss und hauen uns vor die Glotze!«, stöhnt Benno. »Mehr kriegen wir heute sowieso nicht mehr raus.«

Flo und ich sind sofort einverstanden. Keiner von uns hat was dagegen, sich noch ein bisschen vor dem Fernseher zu entspannen und die Süßigkeitenvorräte der Familie König zu dezimieren. Außerdem bin ich sehr froh darüber, heute nicht mehr nach Hause zu müssen, weil Benno und ich bei Flo übernachten. Der legt den Ordner behutsam zurück auf die Fensterbank und löscht das Licht im Arbeitszimmer.

Erschöpft, aber auch stolz auf unsere geleistete Detektivarbeit lassen wir uns nebeneinander auf das weiche Sofa sinken. Und nur wenige Augenblicke später verschwinden die ersten Schokoküsse in unseren Bäuchen und rollen die ersten Köpfe in Machu Picchu.





Samstag, Viertelfinale

Das Klubhaus ist gerammelt voll. Immer mehr Leute versammeln sich vor dem ausgehängten Spielplan, um sich einen Überblick über die Vorrundenergebnisse zu verschaffen. Darunter auch drei frischgebackene Hobbydetektive, die gestern Abend ziemlich spät ins Bett gekommen sind.





1. Spieltag

Gruppe A

Frankreich - Russland 2:2

Argentinien - Schweden 1:4

Gruppe C

Italien - Japan 0:0

Schweiz - Portugal 1:1





2. Spieltag

Gruppe B

Deutschland - Mexiko 0:1

England - Elfenbeinküste 0:7

Gruppe D

Brasilien - Österreich 1:1

Spanien - Niederlande 3:1





3. Spieltag

Gruppe A

Frankreich - Schweden 1:2

Argentinien - Russland 3:2

Gruppe C

Italien - Portugal 2:0

Japan - Schweiz 1:5





4. Spieltag

Gruppe B

Deutschland - England 3:1

Mexiko - Elfenbeinküste 2:3

Gruppe D

Brasilien - Niederlande 2:2

Spanien - Österreich 2:0





5. Spieltag

Gruppe A

Frankreich - Argentinien 3:1

Schweden - Russland 2:0

Gruppe C

Italien - Schweiz 1:1

Japan - Portugal 0:4





6. Spieltag

Gruppe B

Deutschland - Elfenbeinküste 1:4

England - Mexiko 0:2

Gruppe D

Brasilien - Spanien 1:1

Niederlande - Österreich 1:2





Die Abschlusstabellen sehen folgendermaßen aus:




Wir nicken zufrieden. Gemeinsam mit der Schweiz, Schweden, Frankreich, der Elfenbeinküste, Mexiko, Spanien und Österreich haben wir uns für das Viertelfinale qualifiziert. Fußballgiganten wie Brasilien, Deutschland, England, Portugal und Argentinien können die Heimreise in ihre Nachbardörfer antreten. Bei einer richtigen WM wäre das ein schier unglaubliches Favoritensterben.

Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass die Moordorfer Portugiesen den Schweizern aus Ohrenhofen im ersten Spiel ein Unentschieden abtrotzen. Das wäre uns fast zum Verhängnis geworden, hätte ich gegen die Schweiz nicht im letzten Moment meine Gesundheit riskiert und den Ausgleich erzielt.

Meine roten Krücken brauche ich inzwischen nicht mehr. Dennoch bin ich froh, dass wir erst morgen wieder ranmüssen. Der Spielplan für das Viertelfinale sieht nämlich so aus:





Samstag, 11 Uhr: Frankreich - Elfenbeinküste (Spiel A)

Samstag, 15 Uhr: Schweden - Mexiko (Spiel B)

Sonntag, 11 Uhr: Italien - Spanien (Spiel C)

Sonntag, 15 Uhr: Schweiz - Österreich (Spiel D)





Das heißt aber auch, dass uns im Halbfinale eine unliebsame Begegnung mit den Kowalski-Brüdern von der Elfenbeinküste droht, denn dort treffen die Sieger der Spiele A und C sowie der Spiele B und D aufeinander. Aber eins nach dem anderen, sage ich mir. Erst mal müssen wir uns mit 1898 Moppeln auseinandersetzen, die in ihren spanischen Trikots ja ziemlich mühelos durch die Vorrunde spaziert sind. Und wer weiß, welche Überraschungen Speckmann diesmal auf Lager hat.





Rund um das Spielfeld, auf dem bereits die erste Partie des heutigen Tages läuft, hat sich eine Reihe bekannter und unbekannter Gesichter geschart. Die übrigen Besucher schlendern über den Sportpark, als finde hier ein Volksfest statt. Während die Kleinsten sich in einer Hüpfburg der Kreissparkasse Vellbach vergnügen, inspiziert Benno neugierig einen Würstchenstand, der letztes Wochenende noch nicht da war.

»Also ich pack’s dann«, sagt Flo zu mir. »Kannst mir ja später erzählen, wie hoch die Blumenberger gewonnen haben.«

»Meinst du nicht, dass wir deinem Vater doch von unserer Entdeckung erzählen sollten?«

»Auf gar keinen Fall! Dann müssten wir ja zugeben, dass wir in seinem Arbeitszimmer geschnüffelt haben. Nee, nee, wir ziehen das jetzt alleine durch.«

Ich frage mich, was er mit durchziehen meint. Sollen wir etwa weiter im »Fall Speckmann« ermitteln? Uns heimlich an seine Fersen heften? Seine Post abfangen? Sein Haus überwachen? Schon bei dem Gedanken bekomme ich eine Gänsehaut. Und wozu sollte das gut sein?

Ach, verdammt, wir müssten irgendwas Konkretes gegen ihn in der Hand haben. Irgendwas, das ihn als eiskalten Betrüger entlarvt, der sofort hinter Schloss und Riegel gehört. Wir können ja nicht einfach zur Polizei gehen und sagen: »Entschuldigung, Herr Kommissar. Sie müssen unbedingt unseren Trainer verhaften, weil er uns mit seinen Medizinbällen quält und beim letzten Kuchenbasar nicht richtig abgerechnet hat.« Da lachen ja die Hühner.

Flo und ich klatschen uns zum Abschied ab, ehe ich zu Benno hinüberschaue, der in jeder Hand einen Hotdog hält. Leider hat er das Pech, in diesem Moment unserem Mathelehrer über den Weg zu laufen, der ihn prompt in ein Gespräch verwickelt. Grund genug für mich, sofort den Kopf einzuziehen und die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Bei meinen derzeitigen Mathenoten lege ich nämlich nicht den geringsten Wert darauf, Herrn Dr. Zwille außerhalb unseres Klassenzimmers zu begegnen. Eigentlich lege ich noch weniger Wert darauf, ihm innerhalb unseres Klassenzimmers zu begegnen, aber was soll man machen?

Ich schleiche also in merkwürdig geduckter Haltung - fast im Entengang - hinter den Reihen der Zuschauer entlang, um mich in Sicherheit zu bringen. Speckmann wäre bestimmt stolz auf mich, dass ich hier ein Sondertraining absolviere. Als ich angestrengt um die Ecke watschele, stoße ich mit einem rosa T-Shirt zusammen, das in einer blauen Jeans steckt. Ich hebe irritiert den Kopf, sehe blonde, schulterlange Haare und blicke in zwei leuchtend blaue Augen. Oh, nein!

»Hallo, Felix! Was machst du denn da unten?«

»Hallo, Mira, ich … äh … trainiere.«

»Du trainierst?«

»Ja, ich dachte, so ein bisschen zwischendurch kann ja nicht schaden«, entgegne ich mit ungewohnt hoher Stimme und richte mich mühsam auf.

»Was macht dein verletztes Bein?«

»Dem geht’s großartig, danke, alles bestens.«

»Bist du sicher? Du bewegst dich immer noch ein bisschen komisch.«

Das liegt daran, dass mein ehemals verletztes Bein gerade eingeschlafen ist, aber das kann ich doch nicht sagen. »Ihr spielt auch erst morgen, oder?«, frage ich, um das Gespräch auf ein weniger verfängliches Thema zu lenken.

»Ja, morgen Nachmittag gegen Österreich«, antwortet sie und wickelt sich eine Locke um den Zeigefinger. »Ich finde es übrigens schön, dass wir uns beide qualifiziert haben.«

»Mmh, finde ich auch.«

Wir entfernen uns ein Stück vom Spielfeldrand und setzen uns auf zwei leere Getränkekästen, die jemand am Zaun abgestellt hat.

»Du hast gegen uns echt toll gehalten«, füge ich hinzu und wundere mich, mit welcher Leichtigkeit mir dieses Kompliment über die Lippen geht. Normalerweise kriege ich fremden Mädchen gegenüber kaum einen Ton heraus. Aber aus irgendeinem Grund kommt mir Mira überhaupt nicht fremd vor. Im Gegenteil. Wenn wir miteinander reden, habe ich das Gefühl, sie schon lange zu kennen.

»Danke. Wäre schön, wenn unser Trainer das auch so sehen würde.«

»Tut er das etwa nicht?«

»Ach, der lobt uns doch nie, und mich schon gar nicht. Wenn ich im Training eine super Parade hinlege, dann sagt er höchstens ›Für ein Mädchen nicht schlecht‹ oder irgendeine andere Gemeinheit, um mich zu provozieren.«

»Und wir werden von unserem beknackten Kassenwart betreut, weil unser richtiger Trainer im Krankenhaus liegt«, entgegne ich seufzend. »Der macht uns im Training total fertig und hat von Taktik nicht den leisesten Schimmer.«

»Tut mir echt leid für dich«, sagt Mira.

»Mir auch. Ich meine, für dich!«

Wir müssen beide lachen.

»Herr Möller ist einfach so super ehrgeizig und verbissen«, fährt Mira fort. »Der versteht überhaupt keinen Spaß und flippt bei jeder Gelegenheit gleich aus. Ich glaube, der würde alles tun, damit wir das Turnier irgendwie gewinnen.«

»Komisch, bei unserem Trainer hat man das Gefühl, er würde alles tun, damit wir das Turnier nicht gewinnen«, entgegne ich. »Der hat sich nicht mal gefreut, als wir gegen Portugal gewonnen haben. - Hast du gesagt, eurer heißt Möller?«

»Ja, Frank Möller. Kennst du ihn denn nicht? Der hat doch bis vor ein paar Jahren bei euch im Verein gespielt.«

»Ach wirklich?«

»Ja, das hab ich jedenfalls mal gehört. Dann ist er irgendwann mit seiner Familie nach Ohrenhofen gezogen und quält jetzt unsere Jugendmannschaften. Also den hättet ihr ruhig behalten können. Wie heißt denn euer Trainer?«

»Speckmann.«

»Was für ein lustiger Name!«

»Lustig? Also uns ist der Spaß inzwischen vergangen. Dabei sollte sein speckiger Neffe eigentlich Speckmann heißen. Der sieht aus wie ein Riesenbaby, zieht sich an wie ein Zirkusclown und ist quasi unser Co-Trainer.«

»Scheint so, als könnten wir einen Wettbewerb veranstalten, wer von uns den schlimmeren Trainer hat.«

»Also wir haben auf jeden Fall das hässlichste und peinlichste Trainerteam der Welt«, sage ich.

»Dafür haben wir den fiesesten Trainer«, behauptet Mira.

»Unmöglich, fieser als Speckmann geht nicht!«, widerspreche ich und ahme seine Stimme nach: »Ihr müsst Gras fressen, Männer! Beweg deinen Arsch, König, du bist hier nicht im Urlaub!«

Mira kichert. »Das nennst du fies? Möller schreit immer: ›Ich werd euch Beine machen, faules Pack!‹ Dabei kommt der so ins Schwitzen, dass er sich ständig mit einem Tuch über die Glatze wischt. Leider hat das Tuch noch nie eine Waschmaschine von innen gesehen, das ist schon total gelb und fleckig, igitt!«

Ich verziehe angewidert mein Gesicht und schüttele mich wie ein nasser Hund. »Aber ihr habt jedenfalls nur einen von der Sorte«, wende ich ein. »Uns hat das Unglück im Doppelpack erwischt. Eigentlich kann ich mir Speckmann und Wilfried gut im Zirkus bei der Tigerdressur vorstellen. Mit Peitschen und brennenden Reifen und so.«

»Die armen Tiger!«

»Stimmt!«, sage ich. »Die müssten nämlich zur Strafe zwanzig Liegestütz machen, wenn sie nicht durch den Reifen springen wollen. Da würde bestimmt der Tierschutzbund einschreiten.«

Eine Zeit lang versuchen wir noch, uns gegenseitig mit Beispielen zu übertrumpfen, welcher Trainer denn nun der schlimmste, fieseste, blödeste, gemeinste, dämlichste, peinli